Dienstag 11 Dezember 2018

Ein Pflänzchen mit zwei Gesichtern

von  Monika Zybon-Biermann

Giftiges Scharbockskraut gegen Skorbut

ScharbockskrautFrostige Nächte, trübes, nasskaltes Winterwetter sind für diesen Pflanzen-Winzling kein Hindernis. Ab Februar ist er in naturnahen Gärten nicht mehr zu ignorieren. Und wo er einmal Fuß gefasst hat, breitet er sich auf ganzer Fläche aus: Ficaria verna, früher bekannt als Ranunculus ficaria, schiebt einen dichten grünen Teppich aus rundlichen, glänzenden Blättchen aus dem Boden. Das nebenstehende Bild zeigt im Februar frisch geerntetes Blattwerk auf einem Teller. Ein paar Wochen später öffnet das Scharbockskraut, so sein deutscher Name, seine leuchtend gelben Sternblüten. Selbst unter großen Laubbäumen erscheint die Erde fröhlich geblümt. Kurze Zeit später ist der Spuk vorbei.


Das winterliche Spektakel hat einen für Menschen durchaus nützlichen Aspekt. Vor der Blüte sind die Blätter eine in dieser Jahreszeit besonders wertvolle Bereicherung des Speisezettels. Sie schmecken angenehm und liefern darüber hinaus viel Vitamin C. Der Name Scharbockskraut kommt von Skorbut. Das war die früher gefürchtete Mangelerkrankung, die im Winter alle Menschen mehr oder weniger traf. Für Seeleute, die über Monate kein frisches Obst und Gemüse zu essen hatten, endete sie zumindest zu Beginn des Zeitalters der großen Entdeckungsfahrten über die Weltmeere nicht selten tödlich. An Land half das Scharbockskraut gegen die Frühjahrsmüdigkeit und die ersten deutlichen Symptome wie Zahnfleischprobleme. Als man erkannte, dass der Verzehr bestimmter Gemüse oder Obst Skorbut verhindert, verlor die Krankheit ihren Schrecken. Ein Fass Sauerkraut und ein Vorrat Zitronen in der Kombüse hielten schon seit dem 16. Jahrhundert  die Seeleute gesund.

Vor der Blüte sind die Blätter küchentauglich

Die Vorstellung, das Kräutchen aufs Frühstücksbrötchen zu streuen, löst bei denjenigen, die das selbst noch nie ausprobiert haben, eventuell trotzdem widersprüchliche Empfindungen aus. Ist Ficaria verna nicht giftig? Das stimmt: vor allem in den Brutknöllchen und den Wurzeln ist das schleimhautreizende Protoanemonin enthalten. Die vor der Blüte gesammelten grünen Blätter sind jedoch unbedenklich zu verzehren. Man kann sie auch mit anderen Frühjahrskräutern wie Bärlauch, Giersch und Vogelmiere mischen. Frisch geerntet für den Joghurt-Dip, in ein Kräuter-Omelette oder über Salat, Frischkäse oder ein Kartoffelsüppchen gestreut, bescheren sie neue Geschmackserlebnisse.

Scharbockskrautblüten

Wenn die gelben Blütensterne erscheinen, ist die Küchenkarriere des Scharbockskrautes vorbei, da dann auch der Giftgehalt in den Blättern steigt. Der Anblick (siehe Bild oben) versöhnt mit dem Verzicht. Dass die Pflanze während der Blütezeit unbestreitbar dekorativ aussieht, inspirierte Gärtner dazu, besondere Sorten auszulesen. Die gibt es bei engagierten Staudengärtnern zu kaufen. Einer von ihnen ist Christian Kreß, den Gartenansichten-LeserInnen als Sarastro kennen. Im Februar-Rundbrief 2017 beschreibt er die schönsten Kultivare von Ficaria verna. Vielleicht lassen Sie sich inspirieren und probieren eine der vorgeschlagenen Sorten aus. Sie sollen alle weit weniger wuchern als die Wildform.

Fotos©: Monika Zybon-Biermann