Dienstag 11 Dezember 2018

Tulipa humilis

von  Michael Stork

Wer ist wer?

Zur Pflanzzeit im Herbst finden wir im Gartencenter und in den Katalogen ein reichhaltiges Angebot an Blumenzwiebeln. Abbildungen und Informationen erleichtern die Auswahl: Blütenfarben und -formen, Blühzeiten, Wuchshöhe, Winterhärte…

Die Botanischen Tulpen (Wildtulpen) erfreuen sich in den letzten Jahren größeren Zuspruchs, das Angebot wächst entsprechend. Sie gelten als robust und blühwillig, auch wenn sie kleiner bleiben und weniger auffallen als die meisten Gartentulpen, Außerdem - so die Information - sind sie pflegeleicht, weil sie jahrelang am selben Standort verbleiben können, d.h. sie müssen nicht nach dem Einziehen des Laubes aus dem Boden genommen und den Sommer über trocken gelagert werden, bevor sie im Herbst dann wieder in die Erde kommen.

Eine Gruppe dieser klein bleibenden und sehr früh blühenden Tulpen sind die

Tulipa humilis
Tulipa pulchella
Tulipa violacea

Ihre Namen werden häufig synonym oder in Kombination verwendet. Sind es nun verschiedene Arten oder nur Sorten / Auslesen / Züchtungen einer Art?

Die Herkunft der meisten Gartentulpen und die Rückführung auf eine Wildart lässt sich heute nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Durch Jahrhunderte lange  Wanderungen aus ihren Ursprungsgebieten (zumeist Steppengebiete im zentralasiatischen Raum), Verwilderungen in Weinbergen oder Olivenhainen im Mittemeerraum, frühe Züchtungen in der Türkei, später vor allem in Holland, lassen eine "Ahnenforschung" als überaus schwierig, wenn nicht unmöglich erscheinen. Vor allem im letzten Jahrhundert haben Pflanzenjäger im Auftrag großer Firmen immer wieder Wildarten an ihren natürlichen Standorten gesammelt und nach Europa gebracht. Sie wurden dann nicht nur in botanischen Sammlungen gepflanzt, sondern dienten vor allem kommerziellen Interessen. Neben Einkreuzungen von 'wildem Blut' in bekannte Gartensorten (Erhöhung der Vitalität) galten als Zuchtziel: Immer neue, auffälligere Sorten, die Konkurrenz schläft nicht…!

Was die Pflanzensammler von ihren Expeditionen als neue Arten vorstellten, stellte sich im Nachhinein manchmal als verschiedene Erscheinungsformen einer einzigen Art heraus. Denn gerade im Zentrum des Ursprungsgebietes der Wildtulpen experimentiert die Natur häufig mit Blütenfarben (Farbverteilung auf den Petalen, Farben der Antheren, des Basisflecks…). Auch hier herrscht Konkurrenz, deshalb immer neue 'Werbung' für blütenbesuchende Insekten. Die Zeiträume für die Entstehung solcher Veränderungen sind lang; Pflanzensammler sind hier die Eintagsfliegen, die eine Vielfalt bewundern, die gar nicht für sie gemacht wurde!


Tulipa humilis

Einer dieser Pflanzensammler, E.K. Balls, fand die Tulpe am Mount Elwand im heutigen Nord Iran. In seinem Bericht im Gardeners' Chronicle 1934 lesen wir:

"Unter den Felsen fand ich Massen von T. violacea. Mein erster Blick auf die Tulpen erfolgte von unten, das Sonnenlicht schien durch. … Von hell weinroter Farbe, mit grünlicher Basis bis zu den Petalen und schwarzen Antheren, wächst sie 10 - 15 cm hoch, und am 26. Mai fand ich die letzten blühenden Kolonien in einer Höhe von 3600 m. Große Mengen von Zwiebeln fand ich herunter bis 3000 m, aber bereits lange verblüht. Sie wächst in feuchtem, sandigen Lehm unterhalb der Felsen hauptsächlich auf West- und Südwesthängen."

Aus: A. Pavord: Bulb


So entfaltet auch diese Wildtulpe ihre Variationsbreite zur Freude von Insekten und Gartenfreunden. Wegen ihrer frühen Blüte, der Blütenform und -größe wird sie auch Krokustulpe genannt. Aber:

"Im Gegensatz zum Krokus fallen die langen spinnenartigen Blätter kaum auf unter den offenen Blüten mit spitzen Petalen und kontrastfarbiger Basis. Die Selektionen aus Wildpopulationen werden 10 cm, Kultivate werden unter Idealbedingungen bis 15 cm hoch. Diese kleinen Tulpen machen ein Problem, was die verschiedenen Namen in den Katalogen betrifft. T. humilis, T. pulchella und T. violacea wurden früher nebeneinander benutzt.

Heute werden alle (botanisch) als T. humilis beschrieben, wobei allerdings (gärtnerisch) zwischen T. h. var. pulchella und T. h. Violacea-Gruppe unterschieden wird."

Aus: M. King: Gardening  with Tulips (verändert)


Frühblüher

Wir erinnern uns: In unserer Klimazone gibt es für Pflanzen mehrere Möglichkeiten, die lebensfeindliche Jahreszeit Winter zu überdauern. Je nach Lage der Überwinterungsorgane zur Erdoberfläche unterscheiden wir diese Lebensformen:

Einjährige Samen
Bodenpflanzen / Geophyten Zwiebeln, Knollen, Rhizome
Oberflächenpflanzen / Hemikryptophyten                                Rosetten, Horste
Zwergpflanzen / Chamaephyten Halbsträucher
Luftpflanzen / Phanerophyten Bäume, Sträucher

 

Geophyten, also auch unsere Zwiebelgewächse, besiedeln vorwiegend Gebiete, in denen außer dem Winter noch eine zweite ungünstige Periode zu überstehen ist. Hierbei ermöglicht  die Ausbildung unterirdischer Speicherorgane die frühe Blüte.

Erforderlich ist sie

im Laubwald (z.B. für Buschwindröschen), bevor das Laubdach das Licht nimmt
in der Wiese (z.B. für Krokus, Traubenhyazinthe), bevor die Konkurrenz der kräftigen Gräser und Wiesenkräuter Lebensraum streitig macht
im Hochgebirge oder in Steppengebieten (z.B. für Tulpen), bevor die Sommerdürre einsetzt

Nach der Blüte der Tulpen und ggf. Samenbildung assimilieren die Blätter Nährstoffe, die in den Zwiebeln gespeichert werden. Pünktlich zur Sommerdürre ist dieser Prozess abgeschlossen. Die folgende Ruhephase ist kein notweniges Übel, die Zwiebel braucht diese Zeit, um langsam für die nächste Blüte heranzureifen. Das ist die Zeit, die aufgenommene Tulpenzwiebeln im Trockenlager verbringen. Verbleiben sie aber im Boden, sollten sie die Sommerdürre zumindest ansatzweise vorfinden: Ein sonniges, warmes Beet aus sandigem durchlässigem Boden mit bester Drainage. Ein Rasensprenger in dieser Zeit bringt sie um.

T. humilis ist hier nicht so anspruchsvoll wie einige andere Wildarten vor allem aus dem Hochgebirge. Sie sind äußerst empfindlich gegen Sommernässe, deshalb werden sie in Gewächshäusern gehalten oder im Beetkasten bis zum Herbst gegen Regen abgedeckt. Wenn sie dann gewässert werden, erwachen die Zwiebeln zu neuem Leben, bei niedrigen Temperaturen wachsen langsam die Wurzeln, den Winter überdauern sie geschützt im Boden und blühen zuverlässig im nächsten Frühjahr.

Tulipa humilis 'Alanya'Bilder aus dem Alpinum im Botanischen Garten London (Kew Gardens).
Hier werden die ganz Empfindlichen und Anspruchsvollen bei Laune gehalten. Sonne und Wind (Belüftungsrohre) lassen die Pflanzen vergessen, dass sie weit entfernt von ihrer Heimat gedeihen.
Für uns, die wir diese Möglichkeiten nicht haben, aber trotzdem erfolgreich mit Tulpen gärtnern wollen, rät Anna Pavord:

Think hillside. Think central Asia.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos:

Michael Stork