Dienstag 11 Dezember 2018

Efeu

von  Michael Stork

Eine Schattenpflanze klettert ans Licht

 

In der "blattlosen" Zeit der Laubbäume vermitteln immergrüne Gehölze den Eindruck von Leben und lassen uns den neuen Austrieb erwarten.

Neben Koniferen und Rhododendren macht auch Efeu grün – sowohl am Boden als auch hoch oben in den Kronen von Bäumen. Wie schafft es diese Pflanze, sowohl im tiefen Schatten unter dem Laubdach von Bäumen als auch in deren hellem Kronbereich zu leben?


Jugend- und Altersformen

Efeu ist ein bekanntes Beispiel für Heterophyllie, d.h. für die Ausbildung von völlig unterschiedlichen Blattformen auf einer Pflanze. Lässt man die Keimblätter außer Acht, besitzt Efeu 3-5 lappige Jugendblätter und ganzrandige rhombisch bis ovale Altersblätter (s.u.).

Wahrscheinlich wirken hierfür mehrere Ursachen zusammen: Älteren Untersuchungen zufolge soll durch hohe Feuchtigkeit am Waldboden die Jugendform, durch Lufttrockenheit in der zumeist sonnigen Stamm- oder Kronenregion der Bäume die Altersform ausgebildet werden. Die Bezeichnung Schattenblätter/Lichtblätter als Synonym für Jugend- und Altersform weist auf den offensichtlichen Einfluss des Lichtes auf die Ausbildung der verschiedenen Blattformen hin. An schattigen Orten werden niemals Altersblätter gebildet. So kann eine Efeupflanze ein hohes Alter erreichen und dabei "jugendlich" bleiben!

 

 



Heterophyllie: Jugendform (r) Altersform mit Früchten (l)

Auch bei voll sonnigem Standort dauert es 7-10 Jahre, bis Efeu mit der Ausbildung von Altersblättern beginnt. Dazwischen gibt es alle möglichen Formen von Übergängen, bis schließlich die typische ovale Altersform erreicht ist. Blüten und Früchte werden ausschließlich am "alten" Spross gebildet.

Die für die Jugendform typischen Haftwurzeln zum Klettern fehlen am Spross der Altersform, diese ist stärker verholzt und hat daher einen eher aufrechten Wuchs.

Alle Merkmale der Blatt- und Wuchsformen bleiben im Spross über einen langen Zeitraum stabil. Diese Tatsache wird für die Stecklingsvermehrung genutzt: Vegetativ vermehrte Triebe der Altersform wachsen aufrecht mit ovalen Blättern weiter und tragen Blüten und Früchte.

Neben der Heterophyllie ist, wie erwähnt, die unterschiedliche Wuchsform in Jugend und Alter auffällig. Die Jugendform wächst zeitweilig und solange aufrecht, bis ihr Eigengewicht den Spross zu Boden drückt. Keimlinge legen sich im 2. Jahr, um danach ihren typischen Kriechwuchs in der Jugendform beizubehalten. Als Liane vermag die Pflanze jedoch trotz ihres schwachen Sprosses durch Hochklettern an einem Träger lichtreiche Zonen zu erlangen. Nahe am Blattknoten werden sprossbürtige Haftwurzeln ausgebildet. Sie sind kurz und stummelartig und heften sich durch Wurzelhaare an ihrer Unterlage fest. Kriecht der Efeuspross über den Erdboden, bilden sich Erdwurzeln aus. Haftwurzeln könnten deshalb als gehemmte Erdwurzeln angesehen werden. Alle Wurzeln des Sprosses werden an der lichtabgewandten Seite des Sprosses gebildet (negativ phototrop). (vgl. Abb.)

Die Blätter sind dem Licht zugewandt (positiv phototrop). Die Jugendform bildet im dichten Bestand ein Blattmosaik aus. Durch Drehung des Blattstieles wird das Einzelblatt in optimale Position zu Licht gebracht. Die verschieden großen und unterschiedlich gelappten Blätter werden so gedreht, dass sie ihre Nachbarblätter möglichst wenig beschatten. So erhält das gesamte Blattwerk die größtmögliche Lichtausbeute. Das nützt der Pflanze natürlich mehr als die Konkurrenz der einzelnen Blätter um das wenige Licht.

Die Altersform bildet kein Blattmosaik aus. Das ist auch nicht nötig wegen des Lichtreichtums an ihrem Wuchsort, außerdem eignet sich die ovale Blattform nicht so gut dazu. So ist Heterophyllie beim Efeu in der Jugendform eine zweckmäßige Angepasstheit an lichtarme Standorte bzw. jahreszeitliche Hungerperioden.

 

Efeu im Jahresverlauf

Zusammen mit anderen Bewohnern der Krautschicht muss Efeu seine Assimilationstätigkeit nach Ausbildung der Krautschicht einschränken. Einige Pflanzen (z.B. Sauerklee, Viola, Jungwuchs von Rotbuchen) reduzieren ihre Atmung und erhalten dadurch eine positive oder zumindest ausgeglichene Netto-Assimilation. Efeu kann das nicht, es hungert im Sommer, besonders an trüben Tagen, wenn nicht einmal Lichtflecken der Sonne den Boden erreichen. Die immergrünen Blätter ertragen die Beschattung und kommen nach dem Laubfall mit der geringen Lichtmenge der Kurztage aus. Ihr Chlorophyllapparat erwarb die Fähigkeit, längere Zeit in Untätigkeit zu verharren und bei günstigeren Lichtverhältnissen wieder aktiv zu werden. So nutzt Efeu – wie andere Pflanzen auch – die frostfreie Zeit im Winter zur Assimilation.

Datum Messpunkt 1 Messpunkt 2
26.2. 3500 2500
11.3. 4500 3500
15.4. 5000 4000
6.5. 8000 3500
29.5. 10000 1800
12.6. 10500 500
12.7. 9500 300
20.8. 7000 300
14.9. 5000 500
30.10. 3500 2000

 

                 
             
               

         
         
        
         
         
 

Werte gemessen um 13.00 Uhr in Lux als Rückstrahlung von Efeublättern
(Aus: Unterricht Biologie Nr. 173)

Efeu in Parks und Gärten

Efeu (Gattungsname = Hedera) gehört in die Pflanzenfamilie der Araliengewächse. Verbreitet ist es vom nördlichen Europa bis zum Mittelmeer (H. helix), auf den Kanarischen Inseln (H. canariensis), vom Schwarzen Meer (H. colchica) über den Himalaja (H. nepalensis)  bis nach Japan (H. rhombea).

Der geographischen Herkunft entspricht in etwa die Winterhärte der Pflanzen: Während das heimische H. helix und die meisten aus ihm entstandenen Gartenformen selbst strenge Winter ohne größere Schäden übersteht, bevorzugt H. colchica in unseren Breiten geschützten Lagen. . H. nepalensis ist bei uns kaum winterhart und die aus H. canariensis entstandenen Formen sind ausschließlich Zimmerpflanzen. H. rhombea entspricht in seinen Standortansprüchen dem heimischen H. helix, benötigt allenfalls etwas feuchtere Standorte.

Ausführliche Informationen über Efeuarten und -sorten, alte und neue Züchtungen, Pflege, Gartenwert und weitere Tipps erhält man bei der Efeu Gesellschaft www.efeu-ev.org.

Efeu blüht im Herbst. Die Blüten sind zwar unscheinbar gelbgrün, werden aber an sonnigen Tagen von Unmengen von Insekten besucht. Neben Bienen, die vor allem das späte Pollenangebot nutzen, sind es vor allem Fliegen und Wespen, die sich auf den Blüten aufhalten.

Fliegenblumen haben häufig gelbgrüne Blüten (wie der Efeu) oder braunrote Farbtöne. Als zusätzliches Lockmittel dient ein "Ekelgeruch", beim Efeu ein aminhaltiger, fauliger Geruch.

Auch der Blütenaufbau weist auf die Besucher hin: Für kurzrüsselige oder Insekten ohne Rüssel liegt der Nektar offen zugänglich auf der Blütenscheibe. Der Vorteil von Fliegenblumen: Mögliche Bestäuber sind fast ganzjährig da. Der Nachteil: Mangelnde Blütenstetigkeit der Besucher, wird aber ausgeglichen durch wenig "Konkurrenz" unter Spätblühern, dadurch steigt die "Trefferquote"!

 

 

 

Nach der Befruchtung bildet Efeu Beerenfrüchte aus. Diese sind zunächst grün und verbleiben den Winter über an der Pflanze. Wenn sie dann im Spätwinter reifen, nehmen sie eine blauschwarze Färbung an.

Trotz dieser Lockfarbe werden die Beeren von den Vögeln verschmäht. Nur im Notfall werden sie als Nahrung akzeptiert: In Italien nach Missernten von Oliven, bei uns von Ringeltauben, die in langen Wintern die Beeren fressen. Die trotzdem erfolgreiche Verbreitung beweisen Sämlinge an unbewachsenen, schattigen Stellen weit weg von den Mutterpflanzen.
Die Pflanze ist in allen Pflanzenteilen giftig, so auch die Beerenfrüchte. Sie enthalten das Saponin Hederin, das nach dem Genuss Erbrechen, Kopfschmerzen, scharlachartigen Ausschlag am Körper hervorrufen kann. In der Medizin werden Efeuextrakte bei Bronchialasthma (Homöopathie) und der Geriatrie verwendet.

 

 

 

 

 

Der "Efeumörder" im Rombergpark

Seit langem und auf breiter Front gibt es immer wieder Diskussionen (vgl. Foren im Internet), ob denn Efeu nun als Parasit anzusehen ist, d.h. ob er mit seinen Wurzeln in die Rinde des Trägerbaums eindringt, um Säfte zu entnehmen.
Verbreitete Meinung ist, dass Efeu den Baum nur als Träger benutzt, also ein Epiphyt ist.
Was aber, wenn der Efeu die Eiche zuwächst? Ein bis heute unbekannter "Baumfreund" hat im Dortmunder Rombergpark die Sache für sich entschieden und die Säge eingesetzt.

Wie reagiert der Efeu? Am Boden befinden sich genügend "Jünglinge"...

 

Fotos:

Michael Stork