Dienstag 11 Dezember 2018

Weihnachtsnarzissen

von  Michael Stork

Statt Barbarazweige dieses Jahr
Weihnachtsnarzissen

Weihnachtsbild

Der Winter bedeutet bei tiefen Frosttemperaturen für viele Lebewesen eine lebensfeindliche Jahreszeit. Tiere müssen sich schützen, manche halten Winterschlaf oder verbringen die Zeit in Kältestarre.

Pflanzen besitzen Überwinterungsorgane: Sie überdauern die kalte Jahreszeit geschützt unter der Erde in Zwiebeln oder Rhizomen oder treiben aus Samenkörnern im Frühjahr aus. Viele Laubbäume werfen im Herbst ihre Blätter ab, den an den Zweigen verbleibenden Blatt- und Blütenknospen kann der Frost normalerweise nichts anhaben. Steigende Temperaturen im Frühling wecken sie dann aus dem Winterzustand. Wenn wir am 3. Dezember (Barbara-Tag) Zweige schneiden und diese in die warme Wohnung holen, möchten wir ihnen vorzeitig den Frühling vortäuschen: Bei richtiger Behandlung (Luftfeuchtigkeit, Besprühen) und etwas Glück blühen sie dann genau zu Weihnachten!

Bei mir haben sie es leider nicht pünktlich geschafft, ich warte noch drauf.

Stattdessen sind es kleine Narzissen, die mir als ‚Weihnachtsblüher‘ nun Freude bereiten. Im vorletzten Herbst als Zwiebeln gekauft und in kleine Töpfe gepflanzt, haben sie im zeitigen Frühjahr 2016 zusammen mit den Winterlingen geblüht. Nach dem Abblühen bekamen sie noch sparsam Flüssigdünger und wurden dann, nach dem Einziehen der Blätter, in ihren Töpfen zum Übersommern in die Garage gebracht – und dort vergessen!

Narcissus cantabricus ZwiebelnBeim Aufräumen wurden sie dann zufällig(!!) am 22. November 2016 wieder entdeckt. Immer noch in ihren Töpfen, völlig ausgetrocknet. Oder doch nicht? Neben dem trockenen Laub, mit dem sie in die Garage eingezogen waren, zeigten sich zaghaft grüne Spitzen, die aus dem Boden schauten. In frische Erde gepflanzt, sparsam gegossen, standen sie hell im kühlen Raum, begleitet mit guten Wünschen und nachträglich schlechtem Gewissen.

Narcissus cantabricus im Topf

 

 

 

 

 

 

 

 

22. Dezember 2016, sie schaffen es pünktlich, trotz nicht eben liebevoller Behandlung!

Die gärtnerische Einteilung der Narzissen erfolgt nach ihrer Blütenform in verschiedene Klassen (z.B. großkronige, gefüllt blühende, Dichternarzissen).

Demnach gehörte unsere Weihnachtsnarzisse dann in die Klasse der Reifrocknarzissen. Weil es sich aber um eine Wildart handelt, finden wir sie in der Klasse der Wildnarzissen wieder. Mit botanischem Namen heißt sie

Narcissus cantabricus

(Kantabrische Narzisse)

Benannt wurde sie bereits 1815 durch den schweizer Botaniker Alphonse de Candolle nach ihrer Heimat: der Provinz Kantabrien im Norden Spaniens, angrenzend an Asturien und den Golf von Biskaya. Das Land ist hügelig bis gebirgig, die höchsten Erhebungen sind die Picos de Europa am östlichen Ende der Cordillera Cantábrica. Das Klima ist mediterran, ganzjährig mild und feucht, geprägt von der nahen Küste, die Winter sind milde, auch im Gebirge bleiben die Temperaturen im erträglichen Bereich.

Verbreitungsgebiet von Narcissus cantabricus in Spanien

Verbreitungsgebiet von Narcissus cantabricus auf der spanischen Halbinsel (gelb eingefärbt)

Dumm ist jetzt nur, dass unsere Narzisse trotz scheinbar bester Standortbedingungen in Kantabrien gar nicht vorkommt! Das Verbreitungsgebiet liegt deutlich weiter südlich (siehe Karte), vielleicht ist es im Kantabrischen Gebirge im Sommer einfach zu feucht oder im Winter doch zu frostig?

Der ‚falsche‘ Name beruht auf einem Irrtum: Als Herkunft der Pflanzen hielt de Candolle bei der Bestimmung und Benennung die Provinz Kantabrien als gesichert, was aber ein Irrtum war, wie sich erst später herausstellte. Trotzdem behielt sie ihren Namen als gültigen Namen, sie wurde nicht etwa noch umbenannt.

Außerhalb Spaniens kommt N. cantabricus in Marokko und Algerien vor. Deshalb kann Art nicht als endemisch in Spanien gelten. Wenn endemisch, dann nicht national sondern geographisch endemisch: In einem Bogen ziehen sich die Betischen Kordilleren über die Straße von Gibraltar hinweg bis nach Marokko ins dortige Rif Gebirge, bis durch den Durchbruch des Meeres die Straße von Gibraltar entstand und dadurch die Kontinente getrennt wurden. So sind Teile der Pflanzenwelt auch nach ihrer Trennung in beiden Gebirgen zu finden. (vgl. solienses.blogspot.de Februar 2006)

Weiße Reifrocknarzisse

Narcissus cantabricus Blütewird sie in Gartenkatalogen oft genannt. Weil es weitere Arten von Reifrocknarzissen mit weißen Blütenblättern gibt, braucht es die exakte botanische Bezeichnung, um die Identität zu klären. Dieses wird nun nicht einfach, weil es

1. eine Reihe von Synonymen gibt:

N. albicans
N. clusii
N. foliosus
N. monophyllus
N. kesticus

usw. usw.

2. andernorts diese als subsp. (Unterarten) geführt werden

3. oder aber als Varietäten der Art oder einer Subspezies.

Interessant und aufschlussreich ist hier Beitrag im Bulb Log des SRGC (Scottish Rock Garden Club)

Der Verfasser (Ian Young) beschreibt hier das Problem der Taxonomie für Narcissus cantabricus. Zunächst plädiert er für die Bestimmung der Pflanze unter Kulturbedingen, weil er dieses am Naturstandort im Feld für äußerst schwierig hält.

Dann vergleicht er einzelne Merkmale: Zunächst die Blütenstiele bei N. cantabricus monophyllus, ihre Länge und Stellung zum Fruchtknoten. Das Ergebnis ist für ihn alles andere als eindeutig. Am Ende meint er:
„ … wie immer sie nun heißen, ich liebe sie alle und sie halten mich auf Trab, wenn ich hin und her zwischen Büchern und den Pflanzen unterwegs bin, um herauszukriegen, wie sie nun heißen – vielleicht sind sie aber auch alle nur Kreuzungsprodukte aus der Züchtung.“

Und als er zum Schluss noch Griffel und Staubgefäße vergleicht, schlägt er vor, lieber nur „ihre Schönheit zu betrachten“.

Vielleicht ist es aber auch einfach nur so, dass  Arten eine riesige genetische Vielfalt besitzen, die auch benötigen, weil sie sich ja gegebenenfalls anpassen müssen an veränderte Umweltbedingungen. Und dass es dann statt unzähliger Unterarten einfach nur Varietäten einer Art sind?

Weil sie kleine Kostbarkeiten sind und zu einer ungewöhnlichen Jahreszeit blühen, und weil sie keinen komplizierten Charakter besitzen, lohnt es sich, sie ins Haus zu holen. Zwar lesen wir, bis -10 Grad ertragen sie, aber sollten wir ihren Kältetod riskieren?

Narcissus cantabricus