Dienstag 11 Dezember 2018

Winterling

von  Michael Stork

Ihre Namen verraten sie:  Schneeglöckchen,  Winterheide,  Schneeglanz,  Vorfrühlingsiris…
Sie gehören zu den ganz Frühen.

Eranthis im WinterBeim Wettstreit um die allerersten Blühtermine im Jahr erhalten sie auf jeden Fall einen Platz auf dem Treppchen:

 

Winterlinge

 

 


Hilfreich dabei sind unterirdische  Speicherorgane: die Knollen. Wurzeln wachsen aus der Sprossbasis und bilden Verdickungen (Rhizomknollen), die Nährstoffe enthalten und mit neuen Wurzeln, aber auch Blättern und Blüten austreiben können. Ein bekannteres Beispiel hierfür sind die Kartoffeln, sie bilden ebenfalls Rhizomknollen.

Der Winterling und seine KnollenBei den Frühblühern mit unterirdischen Speicherorganen (Zwiebeln, Knollen, Rhizomen...) sind diese allerdings nur die Voraussetzung für die frühe Blüte.

Erforderlich wird die zeitige Blüte jedoch durch den Anpassungsdruck an den jeweiligen Standort.

Immer ist es nämlich außer dem Winter eine zweite Zeit, die den Pflanzen das Leben erschwert.

So haben die Frühblüher des Laubwaldes Blüte und Samenbildung abgeschlossen, ehe das Laubdach das lebensnotwendige Licht am Waldboden absorbiert.

Frühblüher der Wiese kommen der Konkurrenz starkwachsender Wiesenpflanzen und einer evt. Mahd zuvor.

Zwiebelpflanzen der Steppe entgehen der dort herrschenden sommerlichen Dürre.

 

Verwandtschaften

Eranthis hyemalis ist der botanische Name der Winterlinge, die in unseren Parks und Gärten verbreitet sind. Ihr aus dem Griechischen und Lateinischen zusammengesetzter Name bedeutet: Frühlingsblume, die im Winter blüht, ein passender Name. In Holland heißt sie Winterakoniet, in der englischen Sprache Winter aconite. Beide Namen weisen auf die Verwandtschaft mit dem Eisenhut (Aconitum) hin, zunächst wahrscheinlich wegen der Ähnlichkeit ihrer Blätter. Tatsächlich gehören beide Gattungen zur Pflanzenfamilie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae), zu denen auch Clematis, Akelei, Anemonen und die Christ-/Lenzrosen (Helleborus) gehören. Bereits Linné hatte den Winterling beschrieben und ihn 1753 als Helleborus hyemalis benannt. Seinen (end)gültigen Namen Eranthis hyemalis erhielt er 1807 durch Anthony Salisbury, Gründungsmitglied der RHS.

Bei uns bekannt und verbreitet schon seit gut 400 Jahren, ist der Winterling hier jedoch nicht heimisch, sondern aus dem Mittelmeerraum – wahrscheinlich zusammen mit Weinstöcken – hierher gebracht worden.

Eranthis am Gehölzrand

Bevorzugte Standorte, hier wie dort, sind Gebüsche, Wald und Waldrand, möglichst mit feuchtem Boden. Die Blüte erscheint vor dem Laubaustrieb, wenn es ausreichend hell ist unter den Bäumen. Dann ist auch noch Zeit für Assimilation von Nährstoffen und deren Speicherung in den Knollen. Wenn es danach zu dunkel wird am Boden, spenden die Blätter der umstehenden Bäume und Sträucher immerhin noch Schatten, damit der Boden auch im Sommer nicht völlig austrocknet.

Außer unserem E. hyemalis gibt es 7 weitere Arten, alle auf der nördlichen Halbkugel zwischen Südfrankreich (E. hyemalis), Türkei (E. cilicica) und Japan (E. pinnatifida). Synonym: Shibateranthis pinnatifida, besitzt nur ein Keimblatt.

Interessanterweise werden die Arten mit wachsender Entfernung von uns immer außergewöhnlicher: Es gibt zentralasiatische Arten mit weißen Blütenblättern, die ein wenig an unsere Buschwindröschen erinnern, oder sogar mit sehr schön dazu kontrastierenden blauen Staubgefäßen im ostasiatischen Raum.  

Eranthis pinnatifidaEine detaillierte Beschreibung der Arten, Vorkommen und Ausbreitung finden wir im Blog von Eric Wahlsteen.

Die Wildarten haben sich an ihre teilweise extremen Standorte so sehr angepasst, dass sie für eine ‚normale‘ Gartenkultur z.Zt. nicht in Frage kommen.

Leider gilt das auch für  E. pinnatifida (Foto rechts), der seine Schönheit nicht unter den rauen Bedingungen im heimischen Staudenbeet oder Steingarten entfaltet. Seine Ansprüche an Standort und Klima hat er aus dem fernen Japan mitgebracht:

Am liebsten also im Kalthaus mit Schutz vor Winterkälte und Sommernässe.  

 

 

An zusagenden Standorten können sich die Pflanzen zu größeren Beständen ausbreiten. Die Verbreitung kann vegetativ erfolgen: An den Rhizomen, die in alle Richtungen wachsen, entstehen kleine Knollen, die austreiben und wiederum Rhizomknollen bilden. Zusammen mit den Wurzeln der überstehenden Gehölze bilden sie dann ein kaum entwirrbares Wurzeldickicht. Weil sie sich aber gegenseitig nichts anhaben, gilt als Regel für den Gärtner: Bitte nicht stören!

Effektiver ist natürlich die Verbreitung durch Samen. Aus den Fruchtkapseln werden die Samen ausgestreut und können dadurch auch kürzere Distanzen überwinden. Darüberhinaus verbreiten Ameisen die Samen, da an ihnen Elaiosomen (als  Futterbelohnung) angeheftet sind. So schafft der kleine Winterling auch schon mal 20 und mehr Meter. Es dauert ein paar Jahre, bis aus winzigen Sämlingen blühfähige Pflanzen gewachsen sind, die dann wiederum...

An zusagenden Standorten konnten flächenhafte Bestände entstehen, z.B. entwichen aus herrschaftlichen Parkgärten (Stinzenpflanzen). Vielleicht so im  Rautal bei Jena.

 

Findlinge

Vielleicht hat jeder schon einmal auf einer Sommerwiese in einem großen Kleebestand nach einem vierblättrigen Kleeblatt gesucht, früher, bevor der Handel zum Jahreswechsel die Märkte damit überschwemmte. Ob es nun gezielte Suche war oder zufällige Entdeckung, als in verschiedenen Gärten zu verschiedenen Zeiten Winterlinge auftauchten, die sich in zumindest einem Merkmal von der ‚Normalform‘ unterschieden?

So geschehen z.B. in Darmstadt im Garten der Eheleute Treff.

Eranthis ‘Schwefelglanz’1985 fand Ruth Treff hier eine Blüte mit auffällig abweichender Färbung: Hellgelb mit leicht apricotfarbenen Knospen. Sie benannte den ‚Findling‘ nach der auffälligen Farbe der Blütenblätter ‘Schwefelglanz’.
                        

 

 

 

 

Eranthis ‘Grünling’Ein paar Jahre später fand Ruth Treff im Garten eine Pflanze mit grünen Streifen auf den Blütenblättern, die sie ‘Grünling’ taufte (1998).

Beide Sorten samen echt aus, nach Auskunft von Frau Treff der ‘Schwefelglanz’ zu 100 %, der ‘Grünling’ zu etwa 80 %.

Beide Sorten blühen im Garten der Eheleute Schleithoff, die Bilder sind hier entstanden.

 

 


Abweichungen von der Normalform wurden und werden immer wieder gefunden, wohl deshalb in Gärten, weil die Pflanzen so klein und sie dort dem Auge des Betrachters am nächsten sind: Farben und Form der Blütenblätter, einfache und gefüllte Blüten, Farbe der Staubgefäße, Nektarien... Je geringfügiger die Abweichungen, desto höher die Zahl der Findlinge: siehe Schneeglöckchen.

Im Februarheft der Zeitschrift Gartenpraxis (02-2015) hat Wim Boens einen Beitrag über das aktuelle Eranthis Sortiment geschrieben: Gelb in allen Farben. Dieser Beitrag ist umfassend mit vorgestellten Arten und Sorten, die Bilder sind qualitativ hervorragend! Sorten werden übersichtlich in Kategorien zusammengestellt.  

Von demselben Autor gibt es einen ähnlichen Beitrag beim Scottish Rock Garden Club (SRGC), dort erschienen im International Rock Gardener (IRC), Ausgabe Januar 2014, dem monatlichen Onlinemagazin für Liebhaber exklusiver Felsbewohner.

Wir lesen und lernen, dass sich vom europäischen bis in den ostasiatischen Raum Liebhaber mit Eranthis (oder Shibatherantis) befassen, Verwandtschaften zwischen den Arten, Unterarten, Mutationsformen sichten und sammeln.  

Ruth Treff hat ihre Findlinge beobachtet, ausgelesen und vermehrt. Sie erhielten Auszeichnungen und werden von Züchtern in alle Welt verkauft. In vielen Gärten – auch denen von Staudenfreunden der Dortmunder Regionalgruppe – wachsen und verbreiten sie sich.


Liebesdienste bei Mindestlohn

Pflanzen zeigen bei ihren Merkmalen eine gewisse Variationsbreite, das ist normal. Wenn man genau hinschaut, gibt es schon mal Auffälligkeiten: Da fällt dann jemand total aus dem Rahmen. (Bei Frau Treff gleich wiederholt im selben Garten!)

Lebewesen müssen sich an ihre Umwelt anpassen, deshalb probieren sie immer wieder mal etwas Neues aus. Ist nur das äußere Erscheinungsbild betroffen, handelt es sich lediglich um eine Modifikation. Bei einer Mutation (Erbänderung) wird das veränderte Merkmal an die Nachkommen weitergegeben. Ständige Anpassungen an eine sich ändernde Umwelt sind sinnvoll, manchmal sogar lebensnotwenig für die Erhaltung einer Art.

Winterlinge und ihre BesucherIn noch höherem Maße gilt dieses für die sexuelle Vermehrung. Bei jeder Verschmelzung einer Ei- mit einer Samenzelle findet eine Neukombination der Gene statt und damit eine mögliche Veränderung der Nachkommen.

Bei den Pflanzen, die ja standortgebunden sind, ist Fremdbestäubung ein Problem: Windbestäubung ist total unökonomisch, der größte Teil des Pollens geht verloren. Bei der Bestäubung durch Insekten wird Pollen gezielt übertragen, davon profitieren beide.

Tatsächlich nahm die Entwicklung sowohl der Blütenpflanzen als auch der Insekten in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen einen rasanten Aufschwung (Koevolution).

Für diesen Liebesdienst (Transport des Pollens von einer anderen Pflanze) gibt es als Belohnung für die Transporteure

Pollen als eiweißhaltige Nahrung zur Aufzucht der Brut
Nektar als Lieferant von Bewegung- und Wärmeenergie.

Damit sie überhaupt gefunden werden, bilden die Pflanzen ihre Geschlechtsorgane (Blüten) zu Werbeflächen um: Sie locken mit Farben, Formen, Duft... ihrer Blütenblätter mögliche Bestäuber an.

Nahaufnahme der Nektarblätter des WinterlingsEntsprechend dieser Aufgabe haben die Winterlinge den Bauplan ihrer Blüten entwickelt:

Über quirlständigen Hochblättern stehen sechs leuchtend gelbe Kelchblätter, nicht etwa Blütenblätter! Diese sind zu Nektarblättern umgebildet und stehen zwischen den Kelchblättern und Staubgefäßen – eine Spezialität der Hahnenfußgewächse.

Die Nektarien sind tütenförmig (Pfeile in der Abbildung) deren Anzahl, Form und Farbe auch als Bestimmungsmerkmal gelten können. Am Grunde hält die Blüte Nektar mit hoher Zuckerkonzentration für ihre Besucher bereit, leider aber nicht in der von ihnen gewünschten Menge.

Eine Blüte enthält 1,25 mg Nektar, das entspricht einem Durchschnittwert von 0,88 mg Zucker. Der Tagesbedarf einer Honigbiene für sich allein beträgt 11 mg, darüber hinaus erbrachte Sammelergebnisse kommen dem Stock zugute.

Der Energiebedarf von Hummeln dagegen ist astronomisch. Wenn die Winterlinge blühen, fliegen nur erst Hummelköniginnen, die ihre Nester im Boden anlegen – ungeheizt. Die Energie für das Flugbenzin, die Erwärmung ihres Körpers und ihrer Brut erfordert Sammelflüge bei Wind und Wetter, in halbstündigem Abstand. Die Energie bei gefüllter Honigblase reicht für 44 Minuten, bei zusätzlich gefülltem Honigtopf über Nacht für knapp 12 Stunden zum Überleben. Wieviel Blüten muss die Hummelkönigin abernten, um ihren Energiebedarf zu decken?  

Die Blüten zahlen nur Mindestlöhne, damit die Sammler möglichst viele Blütenbesuche und damit Bestäubungen vornehmen. Rhododendron zahlt da wesentlich besser – doch der blüht um diese Zeit noch nicht.
                        
In mancher Hinsicht hält Eranthis sich nicht an den Standardbauplan einer Blüte. Die Kelchblätter sollten nur unscheinbar unter den Blütenblättern mit dem eigentlichen Schauwert stehen: Sie dienen zunächst als äußerer Schutz für die innenliegenden Geschlechtsorgane. Hier übernehmen sie jedoch die Funktion der leuchtenden Blütenblätter, die ihrerseits zu Nektargefäßen umgebildet sind. Die Staubgefäße halten bei Öffnung der Blüte an 2-3 Tagen Pollen bereit, viel mehr, als zur gezielten Bestäubung der Nachbarblüten erforderlich – und das kommt dann endlich in vollem Maße den Blütenbesuchern zugute! Denen können Abweichungen vom Standardbauplan solange gleichgültig sein, wie die Sache funktioniert, d.h. das Ergebnis stimmt!

Eranthis hyemalis ‘Eberhard Fluche’

Wenn dann aus Staubblättern Blütenblätter werden und die dann vielleicht den Zugang zur Narbe versperren und damit eine erfolgreiche Bestäubung verhindern, kann das nicht im Sinne der Art Eranthis hyemalis sein, die doch durch Ausbildung von Samen und deren Verbreitung den Bestand ihrer Art sichern möchte.

Gefüllte Blüten sind häufig steril, eine Ausbreitung kann nur vegetativ erfolgen, und das kann dauern! Draußen in der Natur ist die Sache schnell entschieden, die Selektion wirkt hier unerbittlich. Im Garten von Familie Eickmann erfreut sich der Winterling ‘Eberhard Fluche’ guter Pflege, seit der Gärtner aus Darmstadt ihn aus England mitbrachte. – Und dazu noch das gefüllte Schneeglöckchen, das denselben Beschützerinstinkt auslöst. Aus der Sicht der Pflanzen: Kelch,- Blüten,- Perigon,- Nektar,- Staub-Blätter sind eben alle noch Blätter. Und warum nicht mal Rollentausch?


Giftig?

In der mit dem Winterling verwandten Gattung Aconitum sind bereits in der Antike die giftigsten Pflanzen der Welt bekannt. Man bediente sich des damals nicht nachzuweisenden Wirkstoffes Aconin, um im politischen Raum, aber auch im engeren Kreis z.B. der Familie störende Zeitgenossen zu entfernen. Lähmungserscheinungen in den Gliedmaßen, schließlich Tod durch Atemlähmung und Herzstillstand können bereits Minuten nach der Einnahme erfolgen. Obwohl selten Vergiftungsfälle gemeldet werden, ist im Garten Vorsicht geboten: Gerade der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) bildet das Gift in allen Pflanzenteilen, besonders in den Wurzeln. Bereits Berührung mit der ungeschützten Haut kann Wirkung zeigen.

Die Winterlinge sind ebenfalls giftig: Ihr Wirkstoff Eranthicin ist aber, verglichen mit seinem ‚Großen Bruder‘ eher harmlos. Vielleicht bewirkt er aber, dass die Pflanze von Fressfeinden gemieden wird?

Dirk Baas, Geschäftsführer bei der Firma Peter Nijssen in Heemstede NL, erzählt uns eine nette Geschichte über den Winterakoniet, über Namen, Giftigkeit und den Zusammenhang mit seinen Vettern in Japan... (stark gekürzte Zusammenfassung):

Dirk dreht eine Runde mit einem Gasthund, dessen Herrchen gerade Skiurlaub macht. Es ist Januar, die Sonne steht tief am Horizont. Der Hund ist eine englische Bulldogge, sehr lieb, aber mit einem so abgrundhässlichen dicken Kopf, dass er ihn an den Höllenhund Zerberus erinnert. Und der jüngste ist er auch nicht mehr, er bleibt immer wieder stehen. Zeit und Gelegenheit für Dirk, einen Blick auf die kleinen gelben Blumen zu werfen, die in der Mittagssonne blühen. Da kommt ihm eine Erzählung aus der griechischen Mythologie in den Sinn: Der Kampf des Herakles mit dem Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt bewachte. Dabei lief dem Zerberus giftiger Speichel aus dem Maul und der tropfte genau auf die darunter wachsenden Winterakoniet, die dadurch zu Giftpflanzen wurden.

Es geht noch weiter: Am 3.Februar feiern die Japaner ihr Frühlingsfest. Das Motto lautet: „Teufel raus, Glück rein“. Und gerade dann blüht dort Eranthis pinnatifida! Also: Beides hat Bezug zur Unterwelt. Zufall? Gibt es nicht, meint Dirk, es handelt sich (nach Einstein) um das unvermeidliche Zusammentreffen der Umstände...

Diese wirklich nette Geschichte ist im Original nachzulesen (Clusiaantje januari 2012 - Setsubun-zo).

Bleibt noch die Frage offen, ob Zerberus nicht doch vielleicht den „echten“ Aconitum statt den Winterakoniet betropft hat, denn so tödlich giftig können unsere Winterlinge eigentlich nicht sein. Warum? Schauen Sie sich doch einmal das Mäuschen auf Youtube an. Ein folgenschwerer Irrtum mit anschließendem Besuch in der Giftambulanz oder nur eine harmlose Aktion „schmücke dein Heim“?

fragt

Michael Stork

Fotos:  H. Eickmann, J. Hengemühle, A. Höggemeier, I. Schleithoff, M. Stork, Wikipedia