Dienstag 11 Dezember 2018

Tulipa clusiana

von  Michael Stork - Alle Fotos von Michael Stork

Eine Tulpe und ihr Namenspatron

Die Damentulpe – so einer ihrer deutschen Namen -  ist keine herausragende Schönheit, die anderen die Schau stiehlt. Sie glänzt nicht mit auffälliger Färbung ihrer Blütenblätter, um Blicke von weitem auf sich zu lenken. In Blütenform und –farbe also eher unauffällig, besticht sie schlicht durch Eleganz!

Sie ist schlank gewachsen, wird etwa 40 cm hoch und hat weiße Blüten. Nur die Außenseite der drei äußeren Blütenblätter zieren breite karmin rote Streifen. Wenn sich die Blüten bei Sonnenschein etwas öffnen, zeigen sich dunkellila Staubgefäße, die einen schönen Kontrast zu den hellen Innenseiten der Blütenblätter bilden. Bei totaler Öffnung erscheint der dunkelviolette Basisfleck der nun sternförmigen Blüte, ein bezaubernder Anblick!

Seit etwas mehr als 400 Jahren ist diese Tulpe bekannt bzw. in Kultur. Was wissen wir über ihre Herkunft?  Nur, dass ihr heutiges Vorkommen im Iran, in Nordost Pakistan sich bis zum Himalaja erstreckt. Ihren Weg nach Europa können wir nur vermuten: Sie wird damals zusammen mit anderen Waren (Pelze, Gewürze, kostbare Hölzer…) den gefährlichen Weg über die Seidenstraße genommen haben. Dabei kam ihr und ihren Pflanzenkollegen die Verpackungsform zupass: Als Zwiebeln konnten sie pflege- und wartungsfrei leicht zwischen den übrigen Waren Patz finden und so bis in die heutige Türkei reisen.

Als nach dem Fall Konstantinopels 1543 die Sultane als neue Herrscher diplomatische Kontakte zu den Herrscherhäusern in Europa aufnahmen, kamen auf diesem Wege die ersten Tulpensamen und -zwiebeln  1551 nach Wien und 1562 nach Antwerpen.

Da kommt nun auch der Namensgeber unserer Tulpe ins Spiel:
 
Als Charles de l’Ecluse wurde er 1526 in einer kleinen Stadt in Flandern (heute zu Frankreich gehörig) geboren. Im Zuge der Religions-/Befreiungskriege der Niederlande mit Spanien verließ Charles das Land, um zunächst in Wittenberg Jura, danach Philosophie und Medizin zu studieren. Es folgten Reisen in den süddeutschen und Alpenraum. Sein Studium setzte er in Montpellier fort mit der endgültigen Hinwendung zur Botanik. Er unternahm weitere Reisen, zwischendurch wohnte er immer wieder beim Vater in Antwerpen. Nach dessen Tod nahm er 1573 eine Stelle am kaiserlichen Hof in Wien an, wo er seine Kenntnisse in der Botanik durch weitere Reisen vor allen in den Alpenraum erweitern konnte. Der damaligen Mode entsprechend latinisierte er seinen Namen uns nannte sich fortan Carolus Clusius.

Seine Bedeutung für die Botanik bestand (und besteht!) darin, dass er die Botanik, damals eher Kräuterkunde als Hilfswissenschaft für die Medizin, als eigenständige Fachwissenschaft etablierte. Er fertigte Listen mit genauen Pflanzenbeschreibungen an, er benutzte zwei Wörter zur Benennung einer Pflanze, die binäre Nomenklatur, die später von Linné übernommen wurde. In einem botanischen Werk über die Pflanzen dieser Region, das er nach einer Spanienreise verfasste, nannte und beschrieb er im Anhang nicht eine der dort gefundenen Pflanzen, sondern Zwiebelpflanzen, vor allem Tulpen aus der Türkei, ein früher Hinweis auf sein Hauptinteressensgebiet!

Nach kurzer Tätigkeit in Frankfurt wurde Clusius 1593 nach Leiden gerufen, um dort einen Botanischen Garten als Medizin- und Kräutergarten der Universität zu errichten. Diese Aufgabe und die Leitung übernahm er bis zu seinem Tode im Jahre 1609.

Während seiner Tätigkeit am Hof in Wien hatte Clusius gute Kontakte zu Diplomaten und Orientreisenden, von denen er Samen und Zwiebeln  vieler bis damals unbekannter Pflanzen bekam, darunter eben auch Tulpen. Von diesem Saatgut und Zwiebeln nahm er vieles mit nach Leiden, was den Grundstock der Bepflanzung seines Hortus Botanicus bilden sollte. Er erweiterte den Bestand ständig, führte auch Kreuzungen durch. In botanischen Zirkeln mit Blumenliebhabern (liefhebbers) wurde ausschließlich über den Gartenwert dieser Blumen und nicht mehr über deren pharmazeutischen Nutzen diskutiert – für letzteres wurde er doch schließlich bezahlt! Nach einem Bericht soll Clusius sich geweigert haben, Blumenzwiebeln aus dem Botanischen Garten zu verkaufen, mit dem Ergebnis, dass eines Tages (oder nachts?) ein Großteil seiner Zwiebelgewächse gestohlen wurde. War dieses der Beginn der kommerziellen Zucht in Holland???

Zurück zur Damentulpe: Aus Florenz erhielt Clusius Zwiebeln dieser Tulpe, die er dann 1607 zum ersten Mal blühen sah, zwei Jahre vor seinem Tod.

Der Clusius-Garten

Die Universität der Stadt Leiden steht seit ihrer Gründung an ihrem angestammten Ort, der Rapenburg. Hinter den Gebäuden mit den Räumen und Einrichtungen für den Lehr- und Wissenschaftsbetrieb liegt der botanische Garten. Ein Teil davon ist der historische Hortus Botanicus von Clusius, der seit 1931 in mehreren Abschnitten rekonstruiert und nach den alten Plänen wieder bepflanzt wurde. Selbstverständlich finden wir auf einem kleinen Beetabschnitt auch unsere Damentulpe, nun nach ihm benannt als Tulipa Clusiana.

Der botanische Garten lohnt einen Besuch zu jeder Jahreszeit, liegt er doch im Zentrum der Stadt. Ein malerisches Stadtbild, die Zeit scheint stehen geblieben zu sein!

Außer dem historischen Clusius - Garten gibt es
 
- die Orangerie, eine Sammlung von subtropischen bzw. mediterranen Pflanzen

- Gewächshäuser mit tropischen Pflanzen

- den Von Siebold-Garten mit japanischen Gewächsen

- einen Farngarten

Und, sozusagen als Legitimation, den systematischen Garten als Lehrgarten mit einer Aufpflanzung für das Studium: Pflanzenfamilien, Einkeimblättrige …

 

Im Keukenhof im benachbarten Limmen gibt es außer -zigtausenden Besuchern und Farborgien ungeahnten Ausmaßes auch einen kleinen Historischen Garten mit Arten und Sorten von Zwiebelblumen, die bei der Züchtungsgeschichte eine wichtige Rolle gespielt haben oder aber selbst zu Raritäten geworden sind. Mit einer Mauer umgeben vermittelt er ein Gefühl der Abgeschlossenheit und bietet ein Rückzugsareal (nicht nur für Pflanzen!)

Zum  Gartenwert  dieser Tulpe lassen wir Michael King zu Wort kommen:

Er ist der Meinung, dass jeder ernsthafte Gartenfreund sie kennen müsste, diese schlanke und perfekt geformte Tulpe. … „Alles an dieser Pflanze ist elegant und ausgewogen. Sie ist nicht dazu da, auffällige Farbkleckse im Garten zu produzieren sondern zurückhaltend an prominenter Stelle alle Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie verdient.“ …

Die Damentulpe, im Englischen Lady Tulip, aber auch Candy Tulip, im Holländischen entsprechend Snoepgoedtulp (schlanke Form erinnert an Zuckerstange?) blüht ab Mitte April. Zwiebeln sind kaum im Gartencenter, dafür jedoch beim Spezialisten und im Versandhandel erhältlich. Die Zwiebeln selbst sind auch eine Attraktion: Samtartige Haut mit einer wuscheligen Spitze.   

An zusagendem Standort soll sie sich durch Ausläufer verbreiten; so soll Tulipa clusiana an der französischen Riviera verwildert in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts als Schnittblume geerntet worden sein (Pavord). Bei mir nichts dergleichen, ganz im Gegenteil… aber das freut meinen holländischen Blumenzwiebelhändler!

Literatur:
Guglia, O.F.: Carolus Clusius
King, Michael: Gardening with Tulips
Pavord, Anne: Bulb