Dienstag 11 Dezember 2018

Gehölze gegen die Langeweile

von  Monika Zybon-Biermann

Hochschullehrer stellte Sorten und Ideen für kleine Gärten vor

Prof. Jürgen BouillonFür Garten-Neulinge könnte der Titel eines solchen Vortrags verwirrend klingen: „Raumbildende Gehölze für kleine Gärten“. Was damit gemeint ist, erläuterte der Referent, Prof. Dr. Jürgen M. Bouillon (Bild rechts © M.Zybon-Biermann) vor den Dortmunder Staudenfreunden (GdS) im Bildungszentrum des Rombergparks: „Es gibt nichts Langweiligeres, als seinen ganzen Garten auf einmal überblicken zu können.“

Wie lässt sich Abhilfe schaffen? Die beste Möglichkeit, so der an der Hochschule Osnabrück lehrende Gärtner, Landespfleger, Experte für Vegetationstechnik und Gehölzverwendung, sei der Trick, der im englischen Mutterland der Gartenkultur oft realisiert wird: Man erschafft Freiluft-Zimmer mit Hecken als Grenzen und ausdrucksvollen Baumgestalten als Blickfang. Der Gang durch eine solche Raumfolge, kombiniert mit Durch- und Ausblicken, wenn möglich, in die Landschaft, mache neugierig, sorge für Spannung und Überraschungen.

Die wichtigste Zutat in diesem Gestaltungskonzept: Gehölze. Der Dendrologe, der auch für Stauden etwas übrig hat und selbst Mitglied der GdS ist, schlägt vier Gruppen für die Struktur eines gut geplanten Gartens vor: Formgehölze, edle Sträucher, Magnolien und kleinkronige Bäume.

Die Heckenschere mit Phantasie gebrauchen

Formschnittkandidaten wie Buchsbaum und Eibe, vor allem, wenn sie originell geschnitten sind und nicht nur als Kugeln oder schnurgerade Hecken daherkommen, sind in allen Gärten am Platz und haben praktischen Nutzen. Sie schaffen Sichtschutz nach außen, schützen vor Straßenstaub, gliedern die Aufenthaltsräume. Investiert man etwas Phantasie beim Einsatz der Heckenschere, kann sehenswerte Kunst entstehen. Warum nicht mal eine zu hoch geschossene Eibenhecke als Wolkenwand modellieren – oder der üblichen Buchsbegrenzung rundliche Schwünge verleihen?

Eiben Powis Castle

Das Foto oben (© Bouillon) zeigt eine Wand aus Eiben mit einem ausdrucksstarken Relief, geformt mittels Heckenschere. Die Szene gehört zu Powis Castle.

Gut geeignet für solche formalen Übungen sind neben der bekannten Buche auch die heimische Lärche und der Persische Eisenholzbaum (Parrotia persica). Letzterer, der frei wachsend ein bis zehn Meter hoher, mehrstämmiger Baum mit malerischem Wuchs wird, verträgt selbst radikalen Schnitt. Man sieht die Parrotia schon mal in Würfelform auf Stamm, meist aufgereiht als hochbeinige Windschutzhecke, was natürlich nur bei mehr Platz möglich ist. Manchmal versucht man sich auch mit dem Japanischen „Wolkenschnitt“ an ihr, eine Version, die Prof. Bouillon nicht immer gefällt. (Vielleicht, weil Versuche, die alte japanische Kunstform zu imitieren, hierzulande gelegentlich steif und naiv ausfallen?)

Das elegante Kleid aus Blättern, Blüten, Rinde

Welche Sträucher gibt es, die den Garten elegant kleiden? Sie müssen besondere Zutaten beisteuern: Farben und Düfte von Blättern und Blüten, dazu möglichst interessante Rinden. Letzteren schenken Gartengestalter neuerdings weit mehr Aufmerksamkeit als früher. Es geht darum, beim Blick aus dem Fenster auch im Winter Schönes zu entdecken - Tristesse in Graubraun ist unerwünscht.

Zauberhafte Nuss

Blüten trotz Kälte: die Zaubernuss gehört zu den Klassikern unter den Gehölzen für den Winter. Foto ©: Zybon-Biermann

Blüten sind eine seltene, kostbare Zutat für das Pflanzenmenü in der kalten Jahreszeit. Zu den Klassikern auf der Winterblüher-Liste gehören die Zaubernüsse (Hamamelis, Bild oben); Prof. Bouillon spendet den zahlreichen neuen Sorten Lob – ihres lebhaften, warmen Farbspektrums in Gelb- und Rottönen wegen. Ein ganz besonderes Erlebnis in eisigen Zeiten verspricht die Duft-Heckenkirsche (Lonicera × purpusii), eine die meiste Zeit des Jahres über eher unscheinbare Gestalt. Die aus China stammende Kreuzung zwischen Lonicera fragrantissima und Lonicera lanceolata f. standishii erlebt im Winter eine phantastische Verwandlung: Der kleine Strauch überzieht sich manchmal schon ab Dezember mit stark duftenden, cremeweißen Blüten, aus denen gelbe Staubbeutel herausragen. Die Hauptblüte im Februar /März ist Nahrung für die schon aktiven Hummelköniginnen. Wenn man Glück hat, dauert die Blütezeit bis in den April.

Gelber Glanz und Vanilleparfüm im Schnee

Die Winterblüte, Chimonanthus praecox, eine Art aus der Familie der Gewürzstrauchgewächse, bietet eine weitere Möglichkeit, der kalten Jahreszeit ein besonderes Schauspiel abzutrotzen: gelbe Blüten und Vanilleparfüm. Wie die vorige Art in China heimisch, ist sie in den meisten Gegenden Deutschlands absolut winterhart. Der Gehölzexperte weist allerdings auf eins hin: Wer sich für eine Winterblüte entscheidet, sollte sich vergewissern, dass es sich nicht um eine Sämlingspflanze handelt. „Die enttäuschen oft“, warnt Prof. Bouillon, “weil sie manchmal gar nicht zur Blüte kommen“. Am besten, so sein Rat, entscheide man sich für die Sorte ‘Luteus’ (siehe Bild unten).

Chimonanthus praecox 'Luteus'

Die Winterblüte, Chimonanthus praecox ‘Luteus’, fügt dem Gartenbild in der kalten Jahreszeit überraschende Aspekte hinzu. Foto © Bouillon.

Viele Talente und ein drolliger Name

Viele Talente bringt ein heimischer Strauch namens Pimpernuss mit. Der Name ist kein Grund, irritiert zu gucken: es geht um das Geräusch der in den blasigen Hülsen verborgenen, haselnussgroßen Früchte. Sie rascheln, wenn der Wind hindurchfährt. Der zweite Name von Staphylea pinnata, Klappernuss, macht das deutlich. Was Prof. Bouillon an ihr gefällt, ist die Möglichkeit, den Strauch durch Aufasten (Entfernen der Seitenäste im Stammbereich) zu einem kleinen, mehrstämmigen Baum heran zu ziehen, den man unterpflanzen kann. Sowohl die in Traubenform hängenden weißen Blütenglöckchen im Frühjahr als auch die lange haftenden Kapselfrüchte sind auffallender Schmuck.

Die Frage einer Zuhörerin, ob die Nüsse essbar seien, hatte sich der Osnabrücker Dendrologe nach eigenem Bekunden noch nicht gestellt. Eine zweite Teilnehmerin der Veranstaltung berichtete, sie seien sehr wohl genießbar. Das Thema wurde nicht weiter vertieft; Bei dem Vortrag ging es vor allem um die Ästhetik des Gartens – weniger um seinen kulinarischen Nutzen.

Um jedoch auch die Neugier anderer Leser(innen) zu befriedigen, hier das Recherche-Ergebnis der Gartenansichten-Redaktion: Ja, die Pimpernuss ist essbar; die haselnussgroßen Früchte sollen ein Aroma ähnlich der Pistazie haben und geröstet hervorragend schmecken. Aus ihnen wird im Bayerischen Wald ein Likör bereitet; auch die Blütenglöckchen sind in der Küche verwendbar und lassen sich kandieren. (Nachzulesen auf Wikipedia und Internet-Seiten von Einrichtungen wie dem Nationalpark Donauauen oder Gärtnereien, die das Gehölz anbieten.)

Die Kastanienrose – eine Außenseiterin

Eine Wildrose, die nur einmal, blüht, als Glanzstück für kleine Gärten? Die Kastanienrose Rosa roxburghii sei das wert, meint Prof. Bouillon, nicht nur wegen ihrer bis sechs Zentimeter großen Blüten in Rosa oder Weiß. Hinzu kommen ihre zahlreichen Früchte, keine Allerwelts-Hagebutten, sondern dicke, hellgrüne stachelige „Kastanien“ – ein verblüffender Anblick. Wenn sie abgefallen sind und im Winter die verholzten Stämme und Äste des sparrigen, zwei bis drei Meter hohen Strauchs sichtbar werden, zeigt die Asiatin, die bereits im 19. Jahrhundert für Europas Gärten entdeckt wurde, ihren dritten Pluspunkt: Rinde, die sich in langen Streifen abschält und ein graues Holzrelief bildet.

Rosa roxburghii Blüten

Große ungefüllte Wildrosenblüten - das erste Plus der Kastanienrose.

Rosa roxburghii Früchte

Das ist keine Kastanienfrucht, sondern eine Hagebutte. Wird niemals rot, sondern bleibt hellgrün und gibt sich stachelig.

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Dieses graue Rindenmuster, selten zu finden bei Wildrosen, zieht im Winter die Blicke auf sich. Fotos © Bouillon

Nicht zu verachten sei auch der Perlmuttstrauch, Kolkwitzia amabilis, versichert der Dendrologe und zählt die Vorzüge des häufig verwendeten Zierstrauches auf: Robustheit, üppige rosa Blüte im Sommer, leuchtende Herbstfärbung des Laubes. Im Winter kommt eine sehenswerte Rinde hinzu – eine beachtliche Bilanz für ein Allerweltsgehölz.

Die Scheinkamelie Stewartia pseudocamelia ist nicht so bekannt, lohnt aber auch einen Versuch. Der langsam wachsende Strauch wächst sparrig und trichterförmig. Wenn man ihn aufastet, gewinnt man einen malerischen kleinen Baum, der mit hübschen weißen Blüten im Frühjahr, feuerrotem Blattwerk im Herbst und interessanter Rinde punkten kann.

Professor Bouillon hat noch weitere Strauch-Lieblinge: Die Eichblatthortensie Hydrangea quercifolia mit ihren riesigen, leicht herabhängenden weißen Blütenrispen (Bild unten) und ihrem lange haftenden, intensiv roten Herbstlaub gehört dazu, sowie einige Spindelsträucher, allerdings nicht unbedingt die immergrünen Arten der Gattung Euonymus. Ihm gefallen z. B. die Sorte ‘Red Cascade’ des europäischen Pfaffenhütchens, die etwas kleiner als die Wildart bleibt, der Korkflügel-Spindelstrauch Euonymus alatus und Euonymus planipes mit tief dunkelroten Früchten.

Eichblatthortensie

Die Eichblatthortensie bietet nicht nur Blüten im Sommer, sondern zusätzlich im Herbst leuchtend rote, lange haftende "Eichen"-Blätter. Foto © Zybon-Biermann

Magnolien – die Stars der großen Bühne

Magnolien sind – kein Zweifel – die Stars der großen Bühne. So sieht es der Gehölzkenner und weiß auch, warum: Ihre romantische Silhouette, die phantastischen, großen Blüten haben es seit langem Gartenbesitzern angetan. Die bekannteste und am meisten angepflanzte ist die Tulpenblattmagnolie Magnolia × soulangeana. Sie ist schon seit dem 19. Jahrhundert in europäischen Gärten und Parks zu finden und mit ihrer Höhe von neun Metern und teilweise beachtlicher Breite für Reihenhausgärten zu voluminös. Allerdings gebe es inzwischen auch kleinere Sorten sowie säulenförmige Kultivare, die ebenfalls auf begrenzter Fläche verwendbar sind. Neuheiten wie ‘Nigra’ (dunkle Blüte), ‘Susan’ (zweifarbig), ‘Genie’ (dunkel lila), ‘March Til Frost’ (rosa) oder ‘Golden Gift’ (gelb) spiegeln das heute mögliche Farbspektrum. Es gibt sogar Kultivare mit Riesenblüten (20 cm Durchmesser); allerdings sei, so warnte der Fachmann, die Winterhärte zweifelhaft.

Schön und lecker – Bäume mit doppeltem Nutzen

Bouillons Auswahl der „kleinkronigen Bäume für kleine Gärten“ enthielt ein Angebot verschiedener Gattungen, Arten und Sorten. Zu ihnen gehören alte Bekannte wie die Kornelkirsche (Cornus mas) und die Quitte (Cydonia oblonga), aber auch Zieräpfel wie Malus toringo mit weißen Sternblüten und kleinen, gelben Früchten. Die Anpflanzung schwächer wachsender Walnussbäume, z. B. ‘Laciniata’, sei ebenfalls überlegenswert, so die Ansicht des Fachmannes für Gehölzverwendung.

Unter den Mehlbeeren-Arten (Sorbus) finden sich etliche, die relativ klein sind und das ganze Jahr über gut aussehen, wie z. B. Sorbus vilmorinii aus Asien. Bouillons Meinung: Die Blüte sei schön, das Blattwerk interessant und färbe sich im Herbst scharlachrot, die Früchte rosa. Ihr Schwachpunkt: die Blüten duften unangenehm. Aber in der Verwandtschaft gebe es noch mehr tolle Typen wie Sorbus ‘Joseph Rock’, der langsam wächst und ‘Dodong’ mit einer schlanken Krone. Speierling und Mehlbeere, beides prachtvolle Angehörige der Gattung Sorbus, seien nur für große Gärten zu empfehlen; das sind für Bouillon Grundstücke über 600 Quadratmeter.

Sorbus vilmorinii

Leuchtend rot wird das Laub von Sorbus vilmorinii im Herbst. Ein sehenswerter Kontrast zu den hellen Früchten.
Foto © Bouillon

Klein, schön belaubt, mit bunt gestreifter „Haut“

In der Gruppe der Ahorne lässt sich auch einiges an Schönem und weniger Bekanntem entdecken, z. B. den Italienischen Ahorn, der langsam bis maximal zehn Meter heranwächst und mit hellgelber, deutlich sichtbarer Blüte und einem bunten Stamm (wie beim riesigen Bergahorn) ins Auge fällt. Gartentaugliche Ausmaße behalten die Schlangenhautahorne mit auffallend farbig gestreifter Rinde, darunter der Rote Acer capillipes, der Davids Ahorn Acer davidii, der strauchige Acer conspicuum ‘Phoenix’ mit besonders intensiv gefärbter „Haut“ und der Zimtahorn Acer griseum.

Die Mahagoni-Kirsche Prunus serrula verwöhnt an einem sonnigen Platz mit farbiger Borke und glänzender Rinde, gemächlichem Wachstum und einer rundlichen Krone. Dass die Birken-Sippe mit besonders schönen Stämmen aufwarten kann, ist bekannt. Neben den heimischen Arten mit weiß-gemusterten Rinden ist neben anderen auch die japanische Angehörige der Gattung Betula mit ihren sich ablösenden, dünnen „Papier“-Schichten bemerkenswert.

Schließlich erinnerte Prof. Bouillon noch an eine sehr alte Technik, aus Riesenbäumen kleine zu machen: die Kopfform, traditionell angewendet bei sonst schnell hoch wachsenden Weiden. Die Dotterweide Salix alba ‘Vitellina’ gibt als Kopfbaum ein besonders hübsches Winterbild: ihre jungen Zweige sind leuchtend gelb bis rot gefärbt. Einmal im Jahr werden die Triebe abgeschnitten; so entsteht eine Form, die im Laufe der Jahre immer bizarrer und interessanter aussieht – und übrigens viel länger leben kann als eine ungeschnittene Weide.

Winterbild mit Salix alba 'Vitellina'

Wer mag, kann die sonst rasant in die Höhe schießenden Weiden auf traditionelle Weise in Zwergform bringen: als Kopfbäume behalten sie nicht nur Gartenformat, sondern verwöhnen zusätzlich mit der Farbe ihrer jungen Zweige im Winter. Während freiwachsende Angehörige der Gattung schnell altern, können Kopfbäume sehr alt werden; Ihre Stämme nehmen phantastische Formen an und bieten vielen Tieren eine Heimat. Es reicht, den Zuwachs einmal im Jahr abzuschneiden. Foto © Bouillon