Dienstag 11 Dezember 2018

"Mr. Hepaticas" neueste Schätze

von  Heidrun Henning

Streicheln ist PflichtLeberblümchen, botanisch Hepatica, sind wahre Juwelen der botanischen Schatzkiste. Die schon seit vielen Jahrhunderten als Zier- und Heilpflanze kultivierte Wildart, inzwischen in Deutschland streng geschützt, wird seit den letzten drei Jahrzehnten verstärkt züchterisch bearbeitet. Die "allerneuesten" Kultivare präsentierte "Mr. Hepatica" persönlich, Andreas Händel aus dem brandenburgischen Ketzin an der Havel den Dortmunder Staudenfreunden. Händel ist neben Jürgen Peters aus Uetersen/Schleswig-Holstein gegenwärtig der bekannteste deutsche Züchter. Seinen Spitznamen hat er sich auf seinen zahlreichen Reisen nach Großbritannien erworben.

Natürliche Hepaticavorkommen gibt es mit großen Verbreitungslücken in Europa, in Nordamerika und in Asien. In Europa sind Hepatica nobilis und Hepatica transsylvanica zu finden, wobei für H. nobilis der Rhein die Westgrenze bildet; im Südwesten existieren Bestände bis zu den Pyrenäen. In Nord-Süd-Richtung ist H. nobilis von Norwegen bis Mittelitalien auffindbar; die mittelitalienischen Exemplare weisen ganz dunkelgrüne und harte Blätter auf. Für H. transsylvanica ist Siebenbürgen in Rumänien die Heimat, in Ungarn ist die Art ausgestorben.

Auch in Nordamerika gibt es zwei Arten von Leberblümchen: zunächst wäre H. acutiloba zu nennen, die H. nobilis ähnelt, deren Blätter aber über spitzere Enden verfügen. In den Appalachen lebt H. americana, die Anklänge an die asiatischen Arten zeigt.

In Asien finden sich folgende Hepaticaarten: in China wachsen H. yamatutai und H. insularis, in Japan H. japonica (nur an den Küsten der Hauptinsel Honshū) und H. pubescens (nur in den Bergen von Honshū). Auf einer Felseninsel im Japanischen Meer ist H. maxima zu Hause. Schließlich gibt es in Innerasien noch H. falconeri, die vermutlich der Ursprung aller Hepatica und das Bindeglied zwischen Hepatica und Anemonen ist.

Charakteristisch für das Vorkommen der Hepatica in freier Natur sind Einzelpflanzen, die auch nur über einzelne Blüten und keine Blütenbüschel wie bei den Züchtungen verfügen. Die Blätter sind dreilappig mit mehr oder weniger spitzen Enden. Hepatica sind im Allgemeinen in ihren Blüten recht farbtreu und meistens blau bis rosa, selten auch weiß. Die spanische Unterart H. nobilis var. pyrenaica verfügt über marmorierte Blätter und zeichnet sich durch hellgelbe Staubgefäße und pastellige Farben in den Blüten aus. Als Besonderheit des Vorkommens auf der spanischen Seite der Pyrenäen sind weißblühende  Exemplare in der Natur zu nennen.

Gefüllte Blüten der Art sind in der Natur die Ausnahme

Gefüllte Blüten gibt es bei H. nobilis in der Natur nur sehr selten, denn sie können sich durch die umgebildeten Staubgefäße nicht vermehren. Wenn man als Züchter gefüllte Hepatica unter Stress setzt, bilden sie allerdings manchmal Samen. Die normale Lebensdauer von Hepatica im Wald beträgt zehn bis zwanzig Jahre.

H. transsylvanica stellt eine exzellente Bienenweide dar; sie verfügt über schmale Blütenblätter und ist sehr wüchsig. Eine Besonderheit von H. maxima sind die riesigen Blätter, die im Winter eine zierende rote Umrandung zeigen. Die Art ist bei uns winterhart, besitzt aber nur kleine Blüten. Bei H. yamatutai ist die gesamte Blattunterseite dunkelrot, und bei H. falconeri lässt sich die nahe Verwandtschaft zu den Anemonen sowohl im Blatt als auch in der Blüte festmachen: die teilweise silbern marmorierten Blätter sehen wie bei den Anemonen aus, und die Blüte ist zwar eine Hepaticablüte, besitzt aber im Gegensatz zu den übrigen Hepaticaarten einen Stiel zwischen Blüte und Hochblatt.

Nach der Vorstellung der Hepaticaarten ging Andreas Händel dann zum eigentlichen Schwerpunkt seines Vortrags über, nämlich der Züchtung neuer Sorten.
zuechten macht spass

Nichts ist zu schön - Ehrgeiz treibt Züchter an

Es gibt viele Gründe, Arbeit in die Zucht neuer Pflanzen zu investieren: man möchte bei den Blüten möglicherweise eine neue Farbe oder eine andere Form, vielleicht auch eine andere Blütezeit oder einfach eine reichere Blüte insgesamt erzielen. Man könnte das Blattwerk verbessern oder ein gefälligeres Wachstum oder einen schöneren Habitus erreichen. Schließlich wäre es auch wunderbar, die Resistenz gegen Krankheiten zu erhöhen.

Zur Verwirklichung dieser Ziele gibt es mehrere Möglichkeiten der Züchtung: zunächst wäre da die Auslesezüchtung zu nennen, die viele Pflanzen, viel Zeit und noch mehr Glück erfordert. Bei Hepatica dauert es mindestens drei Jahre bis zur Beurteilung, ob eine neue Sorte wirklich dauerhaft über herausragende Eigenschaften verfügt, die sie von allen anderen Sorten unterscheidet. Vier bis fünf Jahre braucht es – wenn es aufgrund der Wüchsigkeit überhaupt möglich ist – eine neugezüchtete Pflanze zu teilen. Und das Saatgut einer solchen Pflanze ist in sehr vielen Fällen auch nicht reinerbig, d.h. die Nachkommen besitzen nicht die gleichen Eigenschaften wie die Mutterpflanze.

Bei der Mutationszüchtung, die eine Unterform der Auslesezüchtung ist, geht es darum, durch Beobachtung Mutanten zu finden, also Pflanzen, deren Genom verändert ist, was sich auf alle Nachkommen auswirkt.

Schließlich gibt es noch die Kreuzungszüchtung, die gezielt zwei genetisch unterschiedliche Pflanzen miteinander in Verbindung bringt. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten: die Kombinationszüchtung, die genetisch verschiedene Pflanzen derselben Art verwendet, und die Hybridzüchtung, die stattdessen Hybriden nutzt. Für die Kreuzungszüchtung bei Hepatica kommt die Kombinationszüchtung nicht infrage, weil sie Jahrzehnte dauern würde.

Hybriden im Fokus der Kenner und Könner

Die Auswahlmöglichkeiten für die Hybridzüchtung sind vielfältig: man kann z. B. Hybriden der Nobilisgruppe mit solchen der Transsylvanicagruppe kreuzen, die Nachkommen sind dann allerdings steril. Kreuzt man innerhalb der jeweiligen Gruppe, sind die Nachkommen fruchtbar.

Der Arbeitsplatz für die Züchtungstätigkeit sollte vor Wind und Regen geschützt sein und über eine gute Beleuchtung sowie eine Lupe verfügen, Fremdbestäubung sollte vermieden werden. Die ideale Arbeitstemperatur liegt für die Hepaticazüchtung bei 15° C. Die Mutterpflanzen stehen für die Kreuzungsarbeit im Topf, sie sollten schon vor der Reife, also vor dem Öffnen der Staubbeutel, kastriert sein. Eine braune Narbe ist schon bestäubt, das wäre dann zu spät für einen Kreuzungsversuch!  Ganz wichtig ist es, alle  Parameter der Kreuzung zu dokumentieren. Der gewonnene Samen sollte in einen hohen Topf gesät werden, der zu zwei Dritteln mit Erde und scharfem Sand gefüllt ist. Auf diese Mischung werden die Samenkörner gelegt und dann nochmals mit Sand bedeckt; sie dürfen nicht austrocknen! Die Pflanzen keimen im ersten Jahr ganz unterschiedlich und werden erst im zweiten Jahr pikiert, wobei darauf zu achten ist, dass sie ganz tief gesetzt werden.

Ältere Hepaticapflanzen kann man auch teilen. Dazu werden sie in handgroße Stücke mit jeweils drei bis vier Knospen gebrochen, die sofort gepflanzt werden müssen, denn die Wurzeln dürfen nicht austrocknen. Hepatica können auch im Kalthaus kultiviert werden, wobei auf eine gute Luftzufuhr zu achten ist. Sehr praktisch für die Pflege großer Bestände im Gewächshaus sind Rolltische, die Platz sparen helfen.

Andreas Händel präsentiert bedeutende Kollegen seit 1890

Im weiteren Verlauf seines Vortrags stellte Andreas Händel bedeutende Hepaticazüchter vor: der erste namentlich bekannte Züchter ist der Heidelberger Professor Friedrich Hildebrandt, der um 1890 mit seiner Arbeit begonnen hat, von dessen Züchtungen jedoch leider keine überlebt hat. Ernest Ballard aus Großbritannien war um 1916 der nächste Züchter; seine berühmteste Züchtung ist H. ×media ‘Ballardii’, eine silberblaue Hybride mit riesigen Blüten und sehr schönem Laub. Charakteristisch für sie ist die lange Zunge an ihrer Blüte. Im Jahr 1975 begann der schwedische Lehrer und Pflanzensammler Severin Schlyter mit dem Sammeln und der Kreuzung von Hepatica. Der Durchbruch in seiner Züchtungsarbeit gelang ihm mit der Kreuzung der schwedischen Mutante H. nobilis ‘Crenatiloba’ mit einer Nobilis-Form, die stark silbrig gefleckte Blätter hatte und die er ‘Marmorata’ nannte. H. nobilis ‘Crenatiloba’ besitzt dunkelgrünes Laub, das zudem stark gerüscht ist. Die aus dieser Kreuzung entstandenen ‘Cremar’-Hybriden sind wunderbare Blattschmuckstauden und variieren in den Farben von Rosa bis Blau. Schlyteri-Hybriden sind zwar winterfest, benötigen jedoch eine gute Drainage. Die deutsche Gymnasiallehrerin und Züchterin Marlene Ahlburg begann 1992 mit der Kreuzung von Hepatica, von ihr sind die sogenannten „Euroasiatica-Hybriden“ wie ‘Prof. Friedrich Hildebrandt’, ‘Königin Luise’, ‘Maria Sibylle Merian’, ‘Sophie Dupree’ und ‘Max Leichtlin’ bekannt. Sie entstanden aus der Kreuzung europäischer mit asiatischen Hybriden. Die Züchtungstätigkeit des Braunschweigers Otto Beutnagels ist noch zu jung, um nähere Aussagen zur Bewährung seiner Pflanzen, insbesondere ihrer Winterhärte zu treffen. Das Züchtungsprogramm von Jürgen Peters aus Uetersen ist ungemein vielfältig, er verwendet viele verschiedene Hybriden und auch Arten und erzielt auf diese Weise wunderschöne Ergebnisse. Seine Kreuzungen mit japanischem Blut sind leider oft nicht winterhart. Schließlich ist noch John Massey von den britischen Ashwood Nurseries zu nennen, der wie Jürgen Peters ganz verschiedene Arten und Sorten der Hepatica miteinander kreuzt und ein großer Sammler japanischer Hepatica ist.

Zum Abschluss seines Vortrags stellte Andreas Händel eigene wunderschöne Züchtungen vor, die aufgrund ihrer langen Kultivierungszeit leider noch nicht alle verkäuflich sind. Um nur einige Namen zu nennen (Andreas Händel verwendet prinzipiell nur deutsche Namen):
Hepatica 1

  - ‘Schwanensee’
  - ‘Supernova’
  - ‘Himmelszauber’ Foto unten
  - ‘Blaue Stunde’ Foto oben
  - ‘Mondsteinsonate’ (nicht Mondscheinsonate!)
  - ‘Waldgeist’
  - ‘Blumenstadt Erfurt’ (sehr frühblühend, oft um Weihnachten herum; H. transsylvanica)

Hepatica 2

Alle Fotos sind urheberrechtlich geschützt: © Marion Nickig