Montag 9 Dezember 2019

So gelingt ein Steingarten im Flachland

von  Monika Zybon-Biermann

Jim Almond bewies: Alpine gibt's für jeden Garten

Was ist zu tun, damit Pflanzen des Hochgebirges in Gärten des Flachlandes gedeihen? Ein britischer Spezialist für dieses Thema, Jim Almond (im Bild links), versprach 2014 in seinem Vortrag „Alpine für jeden Garten“ bei den Dortmunder Staudenfreunden das Rezept dazu. Almond ist nicht nur Mitglied der Rockgarden-Society (Steingarten-Gesellschaft), sondern gemeinsam mit Kew Gardens auch Hüter der Nationalen Sammlung von Juno-Iris.

Alpine Pflanzen im Flachland zu kultivieren, scheint vielen Gartenliebhabern eine schwierige Aufgabe zu sein. Immerhin sind die klimatischen Bedingungen im Mittelgebirge oder leicht hügeligen Land nicht mit den Konditionen in Höhen über 1000 Meter vergleichbar..
Was zeichnet die als heikel eingestuften Gewächse der Berge aus? Sie ertragen starke Strahlung, nährstoffarme Böden und meterdicke Schneedecken im langen Winter. Letztere schützen allerdings  vor zu viel Frost, sodass manche Arten hierzulande bei Kahlfrost an ihre Grenzen stoßen. Und: es gibt im Gebirge auch Schattenlagen – an den Nordhängen beispielsweise – sodass manche Arten im lichten Schatten bzw. Halbschatten zurechtkommen. Pflanzen am Naturstandort führten in das Thema ein. Almond zeigte drei Beispiele mit unterschiedlichen Ansprüchen – den Frühlings-Enzian Gentiana verna, die Frühlings-Küchenschelle Pulsatilla vernalis und den Gletscher-Hahnenfuß Ranunculus glacialis.

 

Die Gruppe Alpiner Pflanzen in Kultur ist umfangreicher; die 13 genannten Beispiele gehören zu den robusteren Gewächsen und können zum Teil sogar außerhalb eines typischen Steingartens leben wie die Sibthorp's Schlüsselblume Primula vulgaris subsp. sibthorpii, der Moos-Steinbrech Saxifraga ×apiculata, Phlox douglasii ‘Boothman‘s Variety’ und Färberginster Genista depressa. Besondere Ansprüche stellt nur der ansonsten unempfindliche Bartfaden Penstemon rupicola. Die in mediterranen Gärten beliebte, zierliche Staude erträgt unsere kalten Winter schlecht (Tipp: Im Topf kultivieren).

 

Passt überall: das Gebirge im Trog

Kübel und Tröge sind eine ästhetische und leicht herstellbare Variante des Alpinums und in einem ansonsten ganz anders gestalteten Garten möglich. Damit die Gebirgspflanzen auf engem Raum überleben, ist der Boden entscheidend. Durchlässigkeit ist oberstes Gebot:, das heißt, der jeweils erforderlichen Erde (sauer, neutral, kalkhaltig) 50 % scharfkantigen Splitt beimischen – damit sollte es klappen,  Dachwurz (Sempervivum) Frühlings-Enzian (Gentiana verna) diverse Steinbrech-Kultivare (Saxifraga ×edithae ‘Bridget’, Saxifraga ‘Southside Seedling’ oder ‘Monarch’ zu kultivieren. Als Pflanzgrund gut geeignet und dazu ein dekorativer Blickfang sind bepflanzte Tuffsteine, die etwas Höhenrelief hinzufügen. In das weiche Material lassen sich leicht Pflanzlöcher bohren. In dieser Richtung lässt sich noch mehr realisieren – mit „Felsspalten-Steingärten“: Sie bestehen in der klassischen Art aus nebeneinander senkrecht aufgestellten Natursteinplatten. In den mit der Splitt- Erde-Mischung aufgefüllten Spalten finden Arten wie die birkenblättrige Glockenblume Campanula betulifolia, Phlox ‘Tiny Bugles’, die rosa Nelke Dianthus brevicaulis oder Mannsschild Androsace carnea ideale Plätze. Übrigens: Auch alte Mauern können so belebt werden. Kalkhaltige Mörtelreste sind für viele Gebirgs-Gewächse ein idealer Grund, um darin zu wurzeln.

Die im flandrischen Utrecht entwickelten Kugelbeete sind eine weitere platzsparende Methode, um Pflanzen mit besonderen Ansprüchen Lebensraum zu bieten. Sie bestehen aus Steinplatten, die man in eine rundliche Form zusammenfügt. Das Innere ist mit Schotter und Sand ausgefüllt und schafft – ähnlich wie die Kräuterspirale – unterschiedliche Lebensräume für Pflanzen. Sie seien, so der Brite, ideal für die Unterbringung verschiedener Seidelbast-Arten und -Kultivare. Die auf den Fotos gezeigten Beispiele waren übermannshohe Kugeln. Jim Almond gestand ein, dass ihr ästhetischer Wert zumindest Geschmackssache sein könne: "Das ist vielleicht nichts für jeden Garten."

Das Vorurteil, es gebe kaum Alpine Pflanzen für Schatten, widerlegte Almond mit der Aufzählung von immerhin 24 Species, die sich das gern gefallen lassen: Anemonen (Anemone und Anemonella), Leberblümchen (Hepatica), Alpenveilchen (Cyclamen), Waldlilie (Trillium), und der Chinesische Schmuck-Enzian Gentiana sino-ornata gehören unter anderem dazu. Entgegengesetzte Ansprüche haben die Sonnenanbeter, die vom grellen Licht auf großen Höhen nicht genug bekommen können. Da sind robuste Typen wie die gewöhnliche Kuhschelle Pulsatilla vulgaris, Gold-Berufkraut Erigeron aureus ‘Canary Bird’, ein unermüdlicher Dauerblüher und die dekorative und widerstandsfähige Balearen-Pfingstrose Paeonia cambessedesii mit von der Partie. In der Tat stellen die meisten der bis dahin genannten Taxa keine großen Ansprüche an den „grünen Daumen“ der Gartenbesitzer.

 

Ein Trick hält Lewisia in Form

Anders ist es mit der schönen Bitterwurz Lewisia. Die verführerisch gut aussehende Gattung mit ihren fleischigen Blättern und leuchtenden Blüten macht es den Besitzern nicht leicht; aber sie ist leicht verschnupft. Eine Prise Nässe zu viel und schon hat sich Lewisia verabschiedet. Was ist zu tun? Jim Almonds Vorschlag klingt einleuchtend: Die zickige Schönheit in Töpfe mit seitlichen Pflanzlöchern setzen. Dann kann das überschüssige Wasser von den Wurzeln nach außen abgeleitet werden. Ob man es mal mit einem der handelsüblichen Erdbeertöpfe versuchen sollte? Ungeachtet ihres Namens werden diese meist von Sempervivum- oder Kräuter-Liebhabern genutzt. Die Lewisien mit ihren langen Rübenwurzeln werden dort automatisch in die horizontale Lage gebracht, die ihnen zusagt.

Was überall, auch in einem Alpinum, untergebracht werden sollte, sind Zwiebelgewächse wegen der zusätzlichen Blütezeiten.  Unkomplizierte Arten und Kultivare wie Schneeglanz Chionodoxa luciliae, Elfen-Krokus Crocus tommasinianus ‘Rubinetta’, Blauzungenlauch Allium karataviense ‘Red Globe’ oder die vermehrungsfreudigen Hasenglöckchen Hyacinthoides reverchonii gehören ebenso dazu wie einige Iris-Kostbarkeiten (Iris rosenbachiana, narbutii und kuschakewiczii), für die man ein Alpinen-Haus braucht.

Ein solches, mit großzügigen Lüftungsmöglichkeiten versehenes Gewächshaus sollte man auch besitzen, wenn man versucht, sich besondere, seltene und teure Juwelen der Hochgebirgsflora, wie z. B. Dionysia, selbst aus Samen heranzuziehen. Wichtig: Praktisch alle Alpinen sind Kaltkeimer und brauchen eine längere Lagerung im Kühlschrank. Im Frühjahr, sobald es wärmer wird, keimen sie in durchlässigem Anzucht-Substrat.(Erde, Splitt und Vermiculite).  Im Alpinen-Haus lassen sich manche Stauden auch durch Stecklinge in einem Sand-Vermiculite-Gemisch vermehren.

Wer nach Jahren der Beschäftigung mit Pflanzen aus Gebirgsregionen Feuer gefangen hat, findet vielleicht Gefallen an den Schönsten der Schönen, den „Showing Alpines“. Extra-Pflanzenschauen sind im Vereinigten Königreich üblich. Dabei werden spektakuläre Züchtungen in Töpfen präsentiert und prämiert. Doch Jim Almond ging es nach eigenem Bekunden vor allem darum: “Ich wollte Sie inspirieren, Wege zu finden, wie Sie Alpine Pflanzen in Ihren Garten integrieren können.“ Schließlich gebe es Tausende Arten und Sorten und viele Möglichkeiten, Lösungen nach eigenem Geschmack zu finden.