Dienstag 11 Dezember 2018

Bilder einer Ausstellung in neuen Farben

von  Monika Zybon-Biermann

Christian Kreß sprach über „Russische Staudenphloxe“

Christian Kreß„Bilder einer Ausstellung“ betitelte Christian Kreß, als Musikliebhaber bekannter Gärtner, seinen Vortrag bei den Dortmunder Staudenfreunden. Es ging nicht um Baba Jaga oder das große Tor von Kiew, wie in Mussorgskis berühmter gleichnamiger Programmmusik, sondern um Staudenphloxe in Russland. Dort wird die Flammenblume nicht als altmodische, zickige, krankheitsanfällige Bauerngartenbewohnerin eingestuft. Im Gegenteil: sie ist russische Nationalblume. Überall ist sie zu sehen, in Hausgärten aller Größen, in der Stadt und auf dem Land, in historischen Parks und modernen Grünanlagen. Alljährlich finden Schauen statt, auf denen neben historischen Sorten Neuheiten vorgestellt und prämiert werden. Fotos einer solchen Ausstellung – entstanden im Botanischen Garten von St. Petersburg – präsentierte Kreß den Staudenfreunden und Gästen bei seinem vierten Besuch in der Westfalenmetropole.

Auslöser für zwiespältige Gefühle

Kreß eigenes Verhältnis zu Phlox paniculata scheint zwiespältig: Den Duft des Gartenklassikers erlebte der kleine Christian im großelterlichen Garten als unvergessliches Synonym für den Sommer. Als junger Gärtner musste er jahrelang grellfarbige, plumpe, krankheitsanfällige Flammenblumen teilen, vermehren und pflegen, eine kleine Palette mit wenig Reiz. Zwölf Jahre lang arbeitete er – damals noch angestellt – als ehrenamtlicher Sichtungsdelegierter für Phloxe in Österreich. Sein Fazit: „Im pannonischen Klima war der Phlox ein völliger Versager.“ Es ist kein Geheimnis, dass die Gattung, die in rund 70 Arten auf der Nordhalbkugel zu finden ist, in kühlerem Klima besser zurechtkommt.

Sein großes Vorbild Karl Foerster sagte über sie einen Satz, den man auch auf der Kreß'schen Homepage nachlesen kann: „Ein Garten ohne Phlox ist nicht bloß ein Irrtum, sondern eine Versündigung gegen den Sommer.“ Foerster versuchte sich auch als Phlox-Züchter. Eine seiner Sorten erhielt den verwirrenden Namen ‘Wennschondennschon’. Die Geschichte dazu, von Kreß erzählt, sorgte im Publikum für Heiterkeit: Foerster sei in Begleitung eines Freundes und der Ehefrau durch das Phlox-Sämlingsbeet gegangen und hätte schlechte Laune wegen des wenig ermutigenden  Anblicks bekommen. Da habe seine Frau auf eine Pflanze gedeutet: „Wenn schon eine, dann diese“.

Es gab und gibt eine Reihe anderer bekannter Gärtner - Briten, Niederländer, Norddeutsche, die mit Phloxen experimentierten und gute Erfolge vorweisen können. Dennoch: in keinem anderen Land hat Phlox einen solchen Stellenwert wie in Russland. Und nirgends werden so viele Sorten kultiviert. Was in anderen Ländern längst verschwunden ist, wird hier bewahrt – in einer nationalen Phloxsammlung. Ein Züchter – Zeitgenosse Karl Foersters – der besonders viel gekreuzt, selektiert, gesammelt und darüber geschrieben hat, war Pavel Gaganov. Sein Buch „Staudenphloxe“ war 1961 (Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin) in deutscher Sprache erschienen, ist allerdings vergriffen. Kreß: „Sehr empfehlenswert. Gelegentlich finden Sie es in einem Antiquariat.“ Gaganovs Züchtungen sind in Russland häufig zu entdecken. In der „Sarastro“-Gärtnerei (benannt nach der Herrscherfigur der „Zauberflöte“) gibt es inzwischen eine ganze Reihe der Schätze aus der Werkstatt des Hobbygärtners.

Matt, zart, dunkel oder hell und feurig

Was zeichnet russische Flammenblumensorten aus? Kreß: „Typisch sind zarte, auch dunkle Töne, die matter wirken, weil sie einen grauen Hauch haben oder einen Perlmuttschimmer.“ Oft erscheinen die Blüten mehrfarbig: dunklen Knospen folgen hellere Blüten, manchmal mit einem „Stern“ und einem dunklen Auge in der Mitte; verblühend verabschieden sie sich in einer dunkleren Schattierung. Außer dem kühlen Pastell-Spektrum Blau, Rosa, Lila lieben es Russen aber auch heiß. Ein Beispiel in besonders feurigem Rot: ‘Alenki Tsvetotshek’. Vielfalt auch bei den Formen: Es gibt Riesen-Blütendolden, groß wie Sofakissen und kleine, zierliche Exemplare, Sorten mit gekrausten Blütenblättern und ein Kultivar in Rosa, das kaum als Phlox erkennbar ist – seine Blüten verharren in der Knospenform. Bei der Ausstellung in St. Petersburg wurden über 300 verschiedene Phloxe gezeigt – jede Sorte als Strauß in einer Vase. Die überwältigende Farborgie wurde im Übersichtsfoto deutlich.

Die Ausstellung im Botanischen Garten St. Petersburg bot eine beeindruckende Übersicht.

Die Ausstellung im Botanischen Garten St. Petersburg bot eine beeindruckende Übersicht.

Farben á la russe - vielschichtig, dunkel und etwas geheimnisvoll.

Farben á la russe - vielschichtig, dunkel und etwas geheimnisvoll.


Dass der Vortrag keinen Eindruck des Dufterlebnisses vermitteln konnte, überraschte nicht, war aber schade. „Jede einzelne Sorte duftet anders“, versicherte Kreß. Demnächst, so versprach er, werde er sich die Mühe machen, die Düfte nach und nach zu beschreiben. Schließlich geht es vielen Gartenfreunden nicht nur darum, das Bild, sondern auch das Parfüm des Gartensommers zu kreieren.

Phlox-Sortiment zum Anschauen und Schnuppern - so werden zahlreiche russische (und andere) Sorten in der Sarastro-Gärtnerei präsentiert.

Phlox-Sortiment zum Anschauen und Schnuppern - so werden zahlreiche russische (und andere) Sorten in der Sarastro-Gärtnerei präsentiert.


Tipps zur Pflege gab es zum Schluss: Dass Phloxe viel Sonne, Wasser und Nährstoffe lieben, ist kein Geheimnis. Am besten bekommt ihnen reifer Kompost – unreifen mögen sie nicht. Sie wollen auch nicht jahrelang an einem Platz stehen, sonst verabschieden sie sich. Sie sollten alle paar Jahre aufgenommen, geteilt und an andere Standorte versetzt werden. Dies alles hilft auch gegen Mehltau, der manchmal in blühenden Phlox-Beständen Schaden anrichtet. Starke, gut versorgte Pflanzen können sich dagegen besser zur Wehr setzen. Kreß hat sich von den Russen weitere Tipps geben lassen: Tagetes oder Knoblauch dazwischen pflanzen, raten sie. Das verhindert den Befall mit Älchen (Nematoden); da braucht es kein Gift. Und etwas Mehltau im Spätherbst – damit sollte man sich abfinden, wenn Blüte und Gartenjahr vorüber sind.

Weitere, aktuelle Informationen über den engagierten Staudenkenner und Fachbuchautor und die 'Sarastro'-Gärtnerei sind auf der Homepage seines Betriebes nachzulesen: www.sarastro-stauden.com

Duft im blauen Beet: dieser weiß-gestreifte Typ spielt im Sommer dort  die Hauptrolle.

Duft im blauen Beet: dieser weiß-gestreifte Typ spielt im Sommer dort  die Hauptrolle.

Mehr geht nicht an Farbenvielfalt in einem einzigen Blütenstand.

Mehr geht nicht an Farbenvielfalt in einem einzigen Blütenstand.

Schnee im Juni? So weiß wie der russische Winter blüht diese Sorte.

Schnee im Juni? So weiß wie der russische Winter blüht diese Sorte.

Weiteres Beispiel für eine ungewöhnliche Flammenblume in Rosa, mit gewellten Blütenrändern.

Weiteres Beispiel für eine ungewöhnliche Flammenblume in Rosa, mit gewellten Blütenrändern.

Phlox-Fotos: Christian Kreß
Kreß-Porträt: Zybon-Biermann