Montag 9 Dezember 2019

Ein Ehepaar mit der Passion für Iris und Taglilien

von  Monika Zybon-Biermann

Christina und Dr. Tomas Tamberg wurden als Züchter berühmt

Beide sind ein Paar im Leben wie in ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung: Das in Fachkreisen der Iris- und Hemerocallisliebhaber - auch im Ausland - bekannte Züchterehepaar Dr. Tomas und Christina Tamberg aus Berlin war gleich zweimal bei den Dortmunder Staudenfreunden (GdS) zu Gast. Einmal, um etwas über ihr gemeinsames Fachgebiet Iris und Taglilien zu berichten, ein anderes mal anläßlich der GdS-Jahrestagung in der Westfalenmetropole.

Die Berliner sind seit über 50 Jahren Mitglied der GdS (früher Iris-Gesellschaft); Dr. Tamberg war zudem 45 Jahre lang Leiter der Regionalgruppe Berlin/Brandenburg. Erst im Frühjahr 2012 übergab er das Amt in andere Hände. Für seinen unermüdlichen Einsatz bedankte sich die Gesellschaft der Staudenfreunde mit einer großen Auszeichnung. Dr. Tomas Tamberg wurde zum Ehrenmitglied der Gesellschaft ernannt. 

Tambergs haben bis 2013 insgesamt 88 Hemerocallis- und ca. 80 Irissorten gezüchtet. Seitdem sind sie immer noch unermüdlich in der Pflanzenzucht aktiv, weit über die Grenzen des eigenen Gartens hinaus. Zu den Christina und Dr. Tomas Tambergprächtigsten Beispielen zählen die tetraploiden (mit vierfachem Chromosomensatz ausgestatteten) Exemplare, deren Blüten größer und ausdrucksstärker sind, weil ihr Gewebe fester ist. Der promovierte Nuklearchemiker Tamberg, der in seinem Berufsalltag Kernbrennstoffe analysierte, wendet wissenschaftlich erprobte Methoden auch für sein Hobby an. Durch die Behandlung mit Colchizin, dem Gift der Herbstzeitlose, erzielt man Tetraploidie bei Pflanzen. Die Ergebnisse dieser Züchtung wurden 2010 mit der Verleihung der Georg-Arends-Medaille belohnt, eine Auszeichnung, die selten an Amateure verliehen wird. Im Streben nach Qualität ist das Ehepaar konsequent: Nach dem Motto "das Bessere ist des Guten Feind" fliegt im eigenen Garten alles raus, was nicht perfekt ist. Christina Tamberg findet, dass "Gärten heute zu klein für mittelmäßige Pflanzen" sind.

Öffentlicher Garten mit Tamberg-Taglilien in Berlin

Hemerocallis 'Goldfiligran'Die Geschichte der Tambergs und ihrer Verdienste vor allem um die Taglilienzucht findet eine großartige Würdigung in ihrer Berliner Heimat. Es sind zwei Staudenfreunde, Siegrid und Gerhard Breiter aus Könnern, einer kleinen Stadt in der Nähe von Halle, Mitglieder der Fachgruppe Hemerocallis, die sich dafür einsetzen. Seit der Wende begeistern sie sich für die „Schönen des Tages“.Vor allem die in Berlin selektierten Sorten von Tomas Tamberg sind für sie die richtige Wahl. Da ist sich das Profigärtner-Paar sicher, Pflanzen zu erwerben, die  den mitteldeutschen Winter überleben.

Im Laufe der Jahre entsteht eine nahezu komplette Sammlung aller Tamberg-Züchtungen. Doch aus Altersgründen wächst den beiden die Arbeit über den Kopf. Wohin mit der umfangreichen Sammlung?  Sie finden Gehör bei dem Ulmer Sammler Gerd Oellermann, der sofort weiß, was zu tun ist: die Züchtungserfolge des Berliners Dr. Tomas Tamberg und seiner Frau Christina müssen in einem öffentlichen Park der Hauptstadt ihren Platz finden. Der frühere Leiter der GdS-Fachgruppe Taglilien kontaktiert Bettina de la Chevallerie vom Netzwerk Pflanzensammlungen und die GdS-Regionalgruppe. Das Netzwerk unterstützt die Suche nach einem geeigneten Platz.  Ein Ort für die meist tetraploiden Spitzensorten ist schnell ausgeguckt. Es ist der Britzer Garten, ehemaliges Bundesgartenschau-Gelände.  Drei Beete sollen entstehen, in einer Wiese nahe einem Seeufer. Zwei Mitglieder der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg, Bernd Färber und  seine Frau, sorgen dafür, dass die Pflanzen ausgegraben und transportiert werden.
Die Pflanzung im Britzer Garten wird im Herbst 2012 von einer Firma ausgeführt. Schon im Sommer 2013 bewundern die Berliner die ersten Blüten.

Schöne des Tages – wunderbar und kurzlebig

Canary ChaosWarum der Name ? Ganz egal, ob Taglilie oder botanisch Hemerocallis, beides bezieht sich auf eine Besonderheit: Jede Blüte dieser in Europa und Asien, vor allem in China häufig wild vorkommenden Staude, überdauert nur einen einzigen Tag. Der wissenschaftliche Name stammt aus dem Griechischen. „Hemera“ bedeutet Tag und „Kallos“ Schönheit. Eine Taglilie ist also die „Schöne des Tages“, was irgendwie an den Titel des 1967 entstanden französischen Film „Belle de Jour“ erinnert, in dem die attraktive Catherine Deneuve eine bürgerliche Ehefrau mit zweifelhaftem Doppelleben spielt. Eine Belle de Jour ist im Französischen eine Prostituierte, die tagsüber arbeitet.

Nun, bezogen auf die Hemerocallis ist dieser Name nichts weiter als ein Hinweis auf die Kurzlebigkeit jeder einzelnen Blüte und keine moralische Klassifizierung. Abends wirft man noch einen Blick darauf, um sie als wunderbare Erscheinung in Erinnerung zu behalten. Am nächsten Morgen ist sie schlapp und verwelkt. Diesen Mangel gleicht sie durch verschwenderische Fülle aus. Es gibt Sorten, die über vier bis sechs Wochen hinweg täglich viele Blüten öffnen. Das beginnt bei einigen schon im Mai, wenn sie gerade ihre grasartigen Blätter ausgetrieben haben; die letzten liefern noch im September spektakulären Schmuck für den Garten.

In ihrer Heimat China werden „Hems“ gegessen

Klaus HadaschikSchon seit gut 4000 Jahren wird die zur Familie der Grasbaumgewächse und Unterfamilie der Tagliliengewächse gezählte Gattung in China kultiviert, nicht nur wegen des attraktiven Äußeren, sondern auch wegen des kulinarischen Genusses und der ihnen von der traditionellen Medizin zugebilligten Heilkräfte. Derart profane Nützlichkeitserwägungen sind hierzulande für die echten Fans der prachtvollen Staude eher Randnotizen als wichtige Gesichtspunkte. Einer ihrer jüngsten Anhänger in der GdS, der Landschaftsarchitekt Marc Grotendorst, bekennt, schon mal einige Blüten im Salat verspeist zu haben und findet, „dass sie nicht schlecht schmecken, zart und angenehm, wie man es von Salat erwartet.“ Aber sie im größeren Stil für die Küche abzuernten, würde ihm Leid tun.  Geschöpfe, an denen unser Herz hängt, essen wir nicht.

Zu viele Sorten, um alle zu sammeln

Creme ExplosionEs war um 1900, als man in Europa begann, die Staude im größeren Stil zu vermehren und neue Sorten auszulesen. Kaum eine andere Gattung zeigt eine derartige Variationsbreite in ihren Erbanlagen. Eine verführerische Eigenschaft für alle, die gern als Züchter schöpferisch arbeiten. Gegen Mitte des 20. Jahrhunderts explodierte die Menge  neuer Kreuzungen und Auslesen. Inzwischen sind Zigtausende registriert. Je nach Quelle schwanken die Angaben mittlerweile zwischen 50- und 70 000! Es gibt sie in unterschiedlichsten Größen, vom 20 Zentimeter-Zwerg bis zum 1,80 Meter hohen Riesenexemplar. Die Blütengröße variiert zwischen vier und 36 Zentimetern Durchmesser.

Was die prächtige Staudengattung außer ihrer optischen Vorzüge für alle Gartenfreunde begehrenswert macht, auch wenn man nicht vorhat, sich gleich eine Sammlung zuzulegen, sind Robustheit und geringer Pflegeaufwand. Der immer wieder gern zitierte Karl Foerster  verkündete gar: „Noch niemand hat eine Hemerocallis eingehen sehen.“ (Was zumindest bei allen Wildarten, den älteren und den hierzulande entstandenen, sowie bewährten amerikanischen Sorten zutrifft.) Damit billigte er ihr den Titel der „Staude des intelligenten Faulen“ zu, was deutlich macht, dass Foerster nicht nur in punkto Garten-, sondern auch Schreibstil überzeugen konnte.

Dancing in the RainIn der Tat sind die Ansprüche der „Hems“ bescheiden, wenn man eine gewisse Gefräßigkeit, was den Dünger angeht, beiseite lässt. Diese Eigenschaft teilt die Leitfigur aller Taglilienliebhaber mit der ansonsten  pflegebedürftigeren und gelegentlich zickigen, strauchigen Königin Rosa. Wer Begleiter für derartige Hauptdarsteller sucht, muss das bedenken. Mediterrane Hungerkünstler zum Beispiel sind fehl am Platz. Eine Hemerocallis braucht zudem Zeit, um sich zu entwickeln. Die dichten Tuffs, die sich nach einigen Jahren bilden, lassen dafür im Sommer kaum noch Wildkräuter durch. Wer Taglilien hat, muss wenig jäten. Ist auch gut so, weil sie nämlich Sauberkeitsfanatismus mit Hacken und Harken rund um ihr flaches Wurzelwerk gar nicht mögen.

Krankheiten gibt es kaum. Lediglich eine könnte sich ärgerlich auswirken – die Taglilien-Gallmücke. Sie verhindert, dass sich die Blüten richtig entwickeln. Wer jedoch hinschaut, entdeckt die Anzeichen sofort: befallene Knospen blähen sich unnatürlich auf – wie Tulpenblüten. Das Rezept dagegen: entfernen und in die graue Restmülltonne, nicht auf den Kompost!

Hemerocallis-Fotos: Dr. Tomas Tamberg
Porträt-Foto: Monika Zybon-Biermann