Dienstag 11 Dezember 2018

Gehörnte Wächter blieben „Nordwärts“-Wanderern fern

von  Monika Zybon-Biermann

Natur-Führung über die Halde Ellinghausen fand großes Echo

AuftaktAnders als selbst viele Dortmunder glauben, ist nicht der Süden der Westfalenmetropole der grünste Bereich der Stadt, sondern der Norden: Hier befinden sich u. a. ihre beiden größten Naturschutzgebiete, der „Kurler Busch“ und „Im Siesack“. Letzteres liegt im Stadtbezirk Mengede und weist eine Besonderheit auf: Hier gibt es eine Herde von „Heckrindern“. Das sind nach ihren Züchtern, den Brüdern Heck benannte Rückzüchtungen des ausgestorbenen Auerochsens aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Ganz so riesig wie das früher hier heimische Wildrind sind sie nicht, aber sie ähneln großen Kampfstieren und leben wie diese das ganze Jahr über draußen.

Jetzt fand im Rahmen des Dortmunder „Nordwärts-Projektes“ eine Führung durch den Lebensraum der wehrhaften Wiederkäuer statt. Aber die Mutprobe blieb aus: Eine Herde von rund 50 Zweibeinern flößte offenbar selbst den imposanten Heckrindern Respekt ein. Sie riskierten nur aus der Ferne einen Blick auf die Teilnehmer der „Nordwärts“-Wanderung durch den normalerweise gesperrten Teil des insgesamt 170 Hektar großen Naturschutzgebietes „Im Siesack“. Dirk Lehmhaus, der die Besucher über das Gelände der Halde Ellinghausen führte, beteuerte: “Sonst kommen sie immer schnell an, wenn sie mich sehen und hoffen auf etwas Leckeres“. Nicht alle Wanderer werden das Fernbleiben der gehörnten Wächter bedauert haben.

ErklärungenDer Termin, Samstag, 26. August, erwies sich im Hinblick auf das Wetter als gut gewählt. Es war sonnig und trocken, aber noch war in Pfützen und Senken genügend Wasser vorhanden, um Kaulquappen und Jungtiere der seltenen Kreuzkröte zu entdecken. Die vom Aussterben bedrohte Amphibienart ist nicht die einzige schützenswerte Spezies, die auf den ehemaligen Haldenflächen ein Zuhause gefunden hat. Auch Reptilien wie die bis 1,20 Meter lange, ungiftige Ringelnatter, Wald- und Zauneidechse sind hier zu beobachten. Sie verstecken sich gern unter den extra ausgelegten „Schlangenbrettern“ aus Holz, während die Komposthaufen aus gehäckseltem Holz durch Verrottungswärme für die Reptilien das Ausbrüten der schalenlosen Eier übernehmen.

Bunte Vielfalt bei Flora und Fauna, aber auch Probleme

MalvenblütenUm die Halde abwechslungsreich bepflanzen zu können, wurde vor allem an den Hängen auch Erdreich aufgeschüttet. In weiten Teilen der Haldenoberfläche ist aber das Waschberge-Material in Form kleiner Gesteinsbrocken noch sichtbar. Auf diesen mineralischen, voll besonnten Böden hat sich mittlerweile eine besondere Flora entwickelt: Johanniskraut, Malven, Dost (bekannt unter seinem botanischen Namen Origanum) Schafgarbe, Platterbsen und Kleeblüten, typische Vertreter der Magerwiesen-Vegetation, bringen jetzt, im Spätsommer, Farbe ins Grau. Im Frühjahr gebe es hier sogar besonders edle Blüten zu bewundern, berichtete Wanderführer Lehmhaus, und präsentierte das Bild eines Knabenkrautes, einer Orchideenart.

Leider sei außer der in Teilen schon vorhandenen Vielfalt auch wenig Erfreuliches zu berichten, gestand der Mengeder, der Gärtnermeister von Beruf ist und bei der Stadt Dortmund arbeitet: Einige eingebürgerte Pflanzen haben begonnen, das Terrain zu erobern. Die kanadische Goldrute und der früher als Gartengehölz beliebte Essigbaum breiten sich zunehmend aus. Beide haben invasiven Charakter und gehören zur Gruppe der aggressiven Neophyten, die andere Pflanzen unterdrücken und verdrängen können. Bisher helfen neben den Wildrindern noch Schafe, den Bewuchs zu regulieren, doch, so fürchtet der Naturschützer, werde die Stadt möglicherweise die zusätzliche Beweidung nicht aufrechterhalten – wegen der Kosten. Die abwechslungsreiche Struktur und die Vielfalt von Flora und Fauna könnten dann nach und nach verschwinden. Schon jetzt sei auch hier eine deutliche Abnahme der Insekten- und Vogelarten zu beklagen.

Jacobs-Kreuzkraut

Fünf Naturschutzgebiete im Nordwesten -  das Größte im Nordosten

Hindernisse im NaturwaldZum Abschluss der mehrstündigen Wanderung wurden Imbiss und Getränke auf dem Gelände der Tennisanlage im nahen Mengeder Volksgarten serviert. Beim Naturquiz gab es Biohonig, Biokräuter und Biokaffee aus den auf dem Gut Königsmühle beheimateten Werkstätten Gottessegen zu gewinnen. Von diesem am Fuß der Bergehalde gelegenen, alten Bauerngut aus war das Abenteuer gestartet worden.

Das Schutzgebiet Im Siesack, in dem sich auf der Halde Ellinghausen auch eine große Gewerbefläche, das IKEA-Logistikzentrum, und drei Windkraftanlagen (EllWiRas) befinden, ist übrigens das zweitgrößte in Dortmund – nach dem gut 197 Hektar umfassenden Kurler Busch. Im Stadtbezirk Mengede gibt es außerdem die beiden Bergsenkungsgebiete Beerenbruch (an der Grenze zu Castrop-Rauxel), und Mastbruch (zwischen Westerfilde und Jungferntal), dazu noch die kleineren Naturschutzflächen Groppenbruch und Mengeder Heide.

Fotos: Monika Zybon-Biermann