Montag 9 Dezember 2019

Rundbrief November 2019

von  Christian H. Kreß

Sarastro-Rundbrief 11/2019

Liebe Pamina, hallo Papageno!
Eigentlich wollte ich dir einige Neuheiten aus unserem Pflanzensortiment vorstellen, aber über die kannst du auch im Dezemberrundbrief lesen. Zu frisch sind noch die Erlebnisse und Eindrücke meiner letzten Reise, so dass ich kurzerhand beschloss, dir dieses Mal ein wenig davon zu erzählen. Du weißt schon, Staudengärtner und Reisen gehören untrennbar zusammen!

 

Die Reise führte uns dieses Mal nach Island, dem Land zwischen Eis und Feuer. Die Insel am Polarkreis faszinierte mich seit meiner frühesten Jugend, las ich damals mit Begeisterung die Jugendbücher von Jon Svensson, in dem er als Schriftsteller seine Kindheit als Nonni in diesem rauen Land schilderte. Dadurch bekam ich schon recht bald große Sehnsucht nach Island, obgleich mich ja bisher eher Länder faszinierten, die im warmen Süden lagen oder Gegenden, deren Pflanzenwelt zumindest für einen Staudengärtner reichhaltig ausgeprägt ist. Das Nördlichste, wo ich bisher war, ist St. Petersburg, aber Island liegt ja noch wesentlich weiter im Norden!

Klassische, isländische Bauernhöfe aus dem 19. Jahrhundert. Not macht erfinderisch, die Grassoden isolieren. Außer Rhabarber und einigen Gemüsesorten konnte man in den Gärten nichts entdecken.

Grassodenhaeuser

Island besitzt etwa die Ausdehnung von Baden-Württemberg und Bayern zusammen, es leben dort aber nur rund 330.000 Einwohner. Davon wohnen etwa zwei Drittel in der Hauptstadt Rejkjavik und in den Vororten. Durch diesen Umstand kann Island zu den am dünnsten besiedelten Ländern gezählt werden. In den vergangenen Jahrhunderten gehörte die Insel zu Dänemark, sie wurde ursprünglich von norwegischen Wikingerstämmen besiedelt. Die Bevölkerung war zu früheren Zeiten sehr arm, dagegen ist sie heutzutage sogar äußerst wohlhabend, in vielen Bereichen ist Island geradezu vorbildlich und mustergültig aufgestellt, gleichzeitig aber auch eines der teuersten Länder der ganzen Welt. Island ist in der glücklichen Lage, nahezu unermessliche Energieressourcen zu besitzen, so dass fast jeder Haushalt über Geothermie beheizt wird und mit der Abwärme im Winter sogar viele Gehsteige und Straßen eisfrei gehalten werden.

In Island spürt man den Vulkanismus an vielen Orten hautnah, die ganze Insel entstand ursprünglich durch Vulkantätigkeit. Eigentlich zählt diese Insel weder zu Europa, noch zu Amerika. Sie liegt nämlich genau an der Schnittstelle der beiden Kontinentalschelfe, diese driften pro Jahr zwei Zentimeter auseinander. Dadurch kommt es ständig zu kleineren Erdbeben und alle paar Jahre bricht wieder einer der zahlreichen Vulkane aus. Leben und Reisen auf einem Pulverfass? Es kommt schon ein mulmiges Gefühl hoch, wenn man auf der südlich vor Islandd gelegenen Insel Heimaey wandert und weiß, dass Teile der Umgebung erst 1973 durch den Vulkan quasi über Nacht entstanden und damals alle Bewohner Hals über Kopf evakuiert werden mussten!

Hier siehst du die Nahtstelle: rechts der amerikanische Kontinentalschelf, links der europäische. Man kann sogar auf zwei Beinen auf beiden Kontinenten stehen, ein eigenartiges Gefühl!

Nahtstelle

Wir waren 10 Tage dort, gerade Zeit genug, um mit dem Leihwagen die Ringstraße abzufahren. Das sind rund 1.300 km ohne jeglichen Abstecher, also wahrhaftig kein Erholungsurlaub! Wir wollten aber vom Land möglichst viel sehen und einen guten Gesamteindruck der so vielgestaltigen Landschaften mit nach Hause nehmen! Vor unserer Abreise hörte ich von Freunden, dass der Herbst in Island bereits sehr ungemütlich werden kann, jederzeit Schneefall einsetzt und man deshalb besser im Sommer fliegen sollte. Ja, im Sommer! Natürlich ist diese Jahreszeit angenehmer, doch seit der Fußball-EM schienen auch andere Touristen an Island Gefallen zu finden und sie begannen, die Insel gnadenlos zu überrennen. Selbst im Oktober hatte man Mühe, seine Unterkunft vor Ort direkt zu buchen. Lediglich im Nordosten war die Situation entspannter, diese Gegend lag vielen Reisenden anscheinend etwas zu weit weg von der Hauptstadt.

Kurz und gut, jedenfalls hatte sich unsere Reise hundertfach gelohnt! Ich bin noch stets voll tiefer Eindrücke. Und ich kann dir nur wärmstens empfehlen, diese Reise nach Island irgendwann nachzutun. Auch botanisch ist Island nicht uninteressant, wenngleich sich die Highlights jahreszeitlich bedingt in Grenzen hielten. Auch die Privatgärten zeigten sich leider eher etwas nüchtern und außer Bergenien, Alchemilla und Calluna war nicht viel zu sehen.

Island liegt knapp am Polarkreis, aber der Golfstrom sorgt zumindest an den Küsten für ausgeglichene Temperaturen. Und es gibt dort sogar zwei Botanische Gärten, deren Besuch sich auf jeden Fall lohnt. Wenn du aber ein Land mit großartigen Naturschönheiten erleben möchtest, wo beeindruckende Geysire, rauchende Erdschlote, Gletscher von riesigen Dimensionen, immens vielgestaltige Wasserfälle und archaische, urtümliche Landstriche zu finden sind, deren Wildheit und Ursprünglichkeit dir die Sprache verschlagen, dann bist du in Island gut aufgehoben. Diese Vielfalt auf einer einzigen Insel zu finden ist wohl einmalig, zumindest findest du solcherlei in Europa nirgendwo. Ja, du müsstest die ganze Welt bereisen, nach Grönland, richtig, auch nach Feuerland oder in die Tundra Sibiriens, nach dem Yellowstone-Park oder nach Kamtschatka, dort fändest du solch spektakuläre Sehenswürdigkeiten, aber sicher nirgends eine solche Vielzahl auf so engem Raum. Teilweise fühlte ich mich tatsächlich wie auf einem anderen Planet! Und was mich am meisten begeisterte, war die oft eigentümlich mystische Wolkenstimmung, der Horizont war durch Schönwetter und Licht geprägt, davor dicke Wolken, Nieselregen oder Nebel. Und stets viel Wind, der sich bis zur Sturmstärke steigerte.

Über diese mannigfaltigen, zum Teil riesigen Wasserfälle könnte man allein schon einen dicken Bildband füllen. Nicht nur deren Höhe hat mich sehr beeindruckt, sondern über jeden Felsenkamm stürzten Wasser herunter, mal dünne Rinnsale, die zu Gischt wurden, bevor sie auf den Boden ankamen, dann breite, ovale und solche, die in eine tiefe Schlucht fielen. Manche der größeren erinnerten mich an unseren Rheinfall bei Schaffhausen! Wasser ohne Ende, von überall!

Wasserfall

Geysire verbindet man sofort mit Island, jedoch sind leider nur wenige in Aktion. Dies hängt unmittelbar mit der sich darunter befindenden Vulkantätigkeit zusammen. Es erhitzt sich das Wasser über einen längeren Zeitraum und geht dann über, ähnlich wie bei einem Kochtopf. Der Geysir mit dem höchsten Auswurf tat uns leider nicht den Gefallen. Bei ihm ist es eher ein Zufall, wenn er alle paar Stunden seine Fontäne spuckt. Dafür befindet sich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ein anderer, der im Abstand von geschätzten 10 Minuten sein kochendheißes Wasser rund 15 m in die Höhe schleudert.

Geysir

Von meiner Warte her waren aber das mit Abstand Spektakulärste die Gletscher! Sie hatten Dimensionen, die wir uns kaum vorstellen können. Das Zentrum der Insel ist mehr oder weniger komplett vergletschert, der zentral gelegene Vatnajökull ist bekanntlich der größte Gletscher in Europa. Von ihm erstrecken sich mehrere kilometerlange Gletscherzungen in Richtung Nordatlantik.

Eisschollen

Hier siehst du bei Ebbe die vielen kleinen Eisschollen, wie sie am Ufer hängenbleiben, um durch die einsetzende Flut auf das Meer zu treiben! Ganz im Hintergrund ein kleiner Teil des riesigen Vatnajökulls!

Vegetation in den rauen Lagen

Flechten, Moose, Bärentraube und Zwergweiden prägten die Vegetation in den rauen Lagen Islands.

Salix retusa

Salix retusa, eine Zwergweide, deren Herbstfärbung so leuchtend gelb ist, dass man sie schon von weitem sieht!

Saxifraga oppositifolia

Saxifraga oppositifolia kennt man auch aus den Zentralalpen. Auf Island besiedelt er Schotterhalden und Kiesflächen rund um die Gletscher. Leider nicht in Blüte, das Lilarot wäre weithin sichtbar!

Angelica archangelica

Letzte Blütendolden der Engelwurz (Angelica archangelica), welche in Island über weite Strecken dominante Bestände bildet. Sie ist zweijährig, kann sich aber durch Selbstaussaat gut erhalten.

Überhaupt zeigen sich in Island die Vegetationsbilder äußerst unterschiedlich. Über weite Distanzen in Küstennähe, aber auch im nahen Hinterland dominiert die Waldschmiele (Deschampsia cespitosa), mit wenigen Einsprengseln an Doldenblütlern und anderen Stauden. Nirgends zuvor sah ich dieses Gras derart dominant über weite Strecken. Im Hochland, aber auch im Süden entlang des Vatnajökulls öffnen sich dem Betrachter riesige Basaltflächen und Lavafelder, die durch niedere Moose und Polsterstauden besiedelt sind. Und im nordöstlichen Teil Islands fährt man durch kahle Landstriche, die mich sehr an frühere Reisen durch Ladakh oder an den Pamir erinnerten. Kahl und unwirtlich präsentieren sich die Berge, in denen bereits Neuschnee fiel und auf den Straßen für vorwinterliche Fahrverhältnisse sorgte.

In Island gibt es außerdem nur wenige Reste ursprünglicher Wälder, Birken und Lärchen dominieren hier, besonders am Rande mancher Fjorde. Die Wikinger haben nach ihrer Besiedelung vor rund 1.000 Jahren relativ viel von den Wäldern zu Brennholz und als Baumaterial verarbeitet. Heutzutage startete die Regierung an vielen Orten Aufforstungsprogramme.

Auf dem Weg zu den oestlich gelegenen Fjorden

Hier auf dem Weg von der Hochfläche im Nordosten über das Randgebirge hinab zu den östlich gelegenen Fjorden.

Seydisfjoerdur

Die mit Abstand schönste Ortschaft auf unserer Reise war Seydisfjördur an einem nordöstlich gelegenen Fjord. Nicht nur äußerst schmucke Häuser präsentierten sich hier, sondern es hat sich hier auch eine Künstlergilde niedergelassen. Die meisten Bäume befanden sich schon im güldenen Herbstkleid.

Die traditionelle Bauweise der isländischen Bauernhöfe richtete sich immer nach ihrer Umgebung und dem vorherrschenden Klima aus. Der Norden und Nordosten ist naturgemäß viel rauer, hier sind starke Schneestürme und Erdrutsche keine Seltenheit. Gras und Vegetation auf den Dächern isoliert bekanntlich!

Waermedaemmung

Die Gartenkultur in Island beschränkt sich auf das Gestalten und Bepflanzen von Parks und herrschaftlichen Gärten, wenngleich die Artenvielfalt der Gartenpflanzen bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie bei uns. Auch sind Gartenbesitzern bei ihrer Auswahl die Hände gebunden, da man von Pflanzenimporten absieht, aufgrund von Krankheitsübertragung, sowie die Einfuhr invasiver Arten vermeiden möchte. Ich konnte außer Aconitum, Alchemilla, einigen Hosta, Herbstanemonen, Bergenia, Potentilla und einigen anderen Stauden in den Vorgärten nicht sehr viel mehr entdecken. An Gehölzen waren einige Fichten- und Tannenarten, sowie mehrere Ebereschen-Arten zu sehen. Ich nehme mal an, dass das Angebot in Gartencentern und Baumschulen auf das Machbare konzentriert.

In der nördlichen Hafenstadt Akureyri sahen wir einige Häuser mit durchaus abwechslungsreich bepflanzten Vorgärten, die es mit manchen Gärten Mitteleuropas locker aufnehmen konnten. Du wirst vielleicht argumentieren, dass die Artenvielfalt in den Gärten vielleicht deshalb so gering ist, da ja auch die klimatischen Verhältnisse wesentlich rauer sind als bei uns. Das ist aber nur die halbe Wahrheit! In Wirklichkeit streift ja der Golfstrom die Insel und sorgt zumindest an den Küsten im Südwesten und Süden für ausgeglichene Temperaturen. Lediglich im Landesinneren sorgt der Winter für arktische Temperaturen, Grönland ist bekanntlich nicht sehr weit und lässt grüßen!

Vorgarten

In dem am nördlichsten gelegenen Botanischen Garten von Europa, in Akureyri, gibt es viel zu entdecken, hier ist die Pflanzenvielfalt ungeahnt groß und deshalb wird dieser Garten selbst in Reiseführern und Prospekten beworben. Auf dem untenstehenden Bild erkennst du einen Hügel, voll bepflanzt mit der Bitterwurz (Lewisia cotyledon), die strotzten geradezu vor Vitalität! Leider konnte ich an jenem Tage nicht sehr viele Bilder machen, es goss den ganzen Tag in Strömen, und das noch bei extrem düsterem Wetter. Dabei hatten die Leute wirklich tolle Kombinationen aus isländischen Wildstauden gezeigt! Dieser Garten ist eine Attraktion, der Besucher findet auch Staudenjuwele aus dem Himalaya, klar ist doch, das in Island das perfekte Klima für Meconopsis, dem Blauen Tibetmohn vorherrscht!

Auch im Botanischen Garten der Hauptstadt Rejkjavik war ich sehr gespannt darauf, was ich dort zu sehen bekam. Beide Gärten hatten übrigens ein großzügig angelegtes Alpinum. In Rejkjavik war das Botanische System alphabethisch nach Familien und Gattungen hintereinander aufgepflanzt, jedes Feld war mit vermoosten Kantensteinen eingerahmt, übrigens äußerst originell. Dass in Island wesentlich mehr an Pflanzen aus der südlichen Hemisphäre gedeihen, kann man in beiden Botanischen Gärten erkennen. Ich zog Parallelen zu Schottland, wenngleich dort die gebotene Pflanzenvielfalt schon traditionell wesentlich größer ist.

Alpinum

Der auf mich wohl größte Eindruck dieser Reise hinterließ ein rund 10 km breites, grünlichgelb bemoostes Lavafeld! Dieses Isländische Moos wächst in einem ökologisch sehr sensiblen Umfeld bei hoher Luftfeuchtigkeit. Das alleine ist ja schon sehr beeindruckend, doch am fernen Horizont grüßte der Vatnajökull. Allein die Dimensionen lassen dich sehr klein erscheinen!

Moosfeld

In Rejkjavik dominieren moderne Bauten, mir hat die Hauptstadt sehr gut gefallen! Die Altstadt zeigt sich von einer sehr gemütlichen Flanierseite, wenngleich sie äußerst touristisch ausgeprägt ist. Beeindruckend ist die alles überragende, sehr moderne Halgrimskirkja, die sich als eine der Wahrzeichen Islands darstellt. Die Flanken wurden Basaltsäulen nachgebildet, wobei auf mich diese fast trutzig anmutende Kirche eher einem startenden Spaceshuttle glich.

Halgrimskirkja

Island hat sich nicht nur gelohnt, sondern unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Island gehört sicher zu den außergewöhnlichsten Reisezielen, die wir bisher ansteuerten. Nebenbei sind die Isländer sehr freundliche und fröhliche Zeitgenossen!

Das nächste Mal zeige ich dir entweder Bilder von unserem neu entstandenen Erdwall mit seinen vielen Trockenmauern und dem dazugehörigen Sitzplatz, auf dem du dich ausruhen kannst, wenn du unsere Staudengärtnerei besuchst. Oder aber es folgt ein Rundbrief über unsere Staudenneuheiten der letzten Zeit, welche ich bemerkenswert finde und als kulturwürdig erachte. Lass dich einfach überraschen!

Die Gewinnerin der 10.000sten Bestellung ist Frau Agatha Spörr aus Tirol in ÖSTERREICH. Wir gratulieren sehr herzlich und wünschen viel Freude mit unseren Stauden!

Novemberarbeit bedeutet nicht nur, die Gärtnerei auf den Winter vorzubereiten, sondern auch, dass wir unseren Webshop überarbeiten, Neuheiten aufnehmen, Altes verwerfen, anders zu texten, bessere Bilder hineinzustellen etc. Die Arbeit geht bekanntlich nicht aus!

Ach ja, und noch etwas ganz Wichtiges! Rosemarie, eine meiner „rechten Hände“ unseres Teams, geht demnächst in Mutterschutz und in Karenzurlaub. Das heißt, wir bräuchten ab März eine Fachkraft, welche nicht nur Freude am Beruf hat, sondern uns insbesondere im Beraten der Kunden behilflich ist und in der Vermehrung Hand anlegt. Wenn du aus deinem Bekanntenkreis einen Staudengärtner/-meister weißt, welcher für seinen Beruf brennt und in diesem aufgeht, dann möge er/sie sich melden. Das einzige, was er mitbringen sollte, sind fundierte Staudenkenntnisse, wobei man bei uns auch dazulernen darf! Ich freue mich schon jetzt auf jede Bewerbung!

Dir noch einen schönen Herbst, denke daran, dass im Garten jetzt nicht alles pieksauber abgeschnitten sein muss, sondern auch daran, dass besonders das Laubrechen auf deiner Rasenfläche etwas Meditatives und Entspannendes mit sich bringen kann! In diesem Sinne dir alles Gute!


Dein Staudengärtner Sarastro

Christian Kress

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christian H. Kreß und Mitarbeiter