Mittwoch 24 April 2019

Rundbrief April 2019

von  Christian H. Kreß

Sarastro-Rundbrief 04/2019

Liebe Pamina, hallo Papageno!
 
Habe ich dir schon einmal über die Sterndolden berichtet? Sicher doch, aber es war wohl doch schon Jahre her. Nun, es schadet nicht, sich nochmals mit ihnen auseinanderzusetzen, denn nun kann ich dir mit Sicherheit deren Vorzüge aufzählen und dir den vielleicht entscheidenden Wink geben, was denen nicht passt, wenn du sie falsch pflanzest!

Sterndolden nennt man mit ihrem botanischen Namen Astrantia. Meine erste Bekanntschaft mit den Astrantien an ihrem natürlichen Standort machte ich unter anderem in Kärntnerisch-Slowenischen Grenzgebiet, in den Tälern und auf den Bergwiesen rundum der Karawanken, aber auch im oberösterreichischen Salzkammergut. Teilweise wuchsen sie am Wegrand, auf sonnigen Wiesen, aber durchaus auch im Schatten von Schluchtwäldern. Dort in Kärnten kommt eine besonders großblumige Variante vor, deren hübsche Sterne bis zu 7 cm Durchmesser besitzen. Hierbei handelt es sich um eine Unterart, Astrantia major subsp. involucrata. Du kennst vielleicht ‘Shaggy’ mit ihren riesigen, weißen Strahlenblüten, die äußeren Blütenblätter besitzen eine grünliche Spitze. Sie stammt von dieser Unterart ab. Hier siehst du sie:

Astrantia major subsp involucrata 'Shaggy'

Bis auf wenige Ausnahmen entstanden die meisten gärtnerischen Sorten aus Astrantia major, der Großen Sterndolde. In unseren mitteleuropäischen Gärten führten Sterndolden bis vor rund 15 Jahren nahezu ein Schattendasein, kaum jemand fand an ihnen Interesse. In den meisten Staudengärtnereien suchte man sie im Sortiment vergeblich. Erst mit dem Blick nach England änderte sich dies. Von dort kamen nach und nach farblich sehr gute Verbesserungen, die nebenbei auch noch zeigten, dass sie unwahrscheinlich reich blühen konnten. Aber auch in Holland entstanden Jahre später etliche Auslesen, viele davon ähnelten sich sehr, nach dem Motto „größer, röter, länger blühend“. Denn man ist bis heute auf der Suche nach einer brillanten, roten Sterndolde, die über Monate blüht und noch dazu wüchsig ist. Denn die meisten der roten Sorten hatten ein stumpfes Rot, kein ansprechendes, leuchtendes Rot oder sie wuchsen schlecht.

Piet Oudolf war es, der mir bei einem meiner Besuche 1991 ein Teilstück jener berühmten Astrantia major ‘Ruby Wedding’ gab. Ihre Farbe war geradezu bezaubernd schön, ein herrliches, tiefes Rubinrot, die Sterne von mittlerer Größe. Bei Piet im holländischen Gelderland wuchsen Astrantien scheinbar wie von selbst, der leichte Boden war stets mildfeucht und nährstoffreich, die Kuhweiden ringsherum trugen dazu bei! Er brachte den Originalklon von ‘Ruby Wedding’ aus England mit und verwendete ihn zum Züchten. Das untenstehende Bild gibt leider einmal mehr nur annähernd die fantastische Farbe wieder!

Astrantia major 'Ruby Wedding'

Später selektierte Piet die Sorte ‘Roma’, eine altrosa blühende Sterndolde, die ich meiner Meinung nach für eine der besten Oudolfschen Sorten überhaupt halte, da sie alle jene Erwartungen erfüllt, die man an eine Sterndolde stellt und gleichzeitig eine sehr wertvolle Gartenstaude abgibt.

Piet Oudolf hatte sich im Osten Hollands nahe der Ortschaft Hummelo mit seiner Gärtnerei selbständig gemacht. Mit dem Sortiment wuchsen seine eigenen Auslesen und Züchtungen, ebenso seine Schaugärten. Und nach und nach wuchs seine Begeisterung zu einer ganz eigenen Staudenverwendung, die ihn später unter den Staudenverwendern so bekannt gemacht hat. In diesem Jahr ist er bei der PPA-Jahrestagung in Chicago als Vortragender, er hatte dort einige größere Projekte verwirklicht.

Wenn ich an Hummelo denke, so kommen mir zwei Dinge in den Sinn. Zum einen Stachys monnieri ‘Hummelo’, welchen aber Ernst Pagels selektierte und nach dem Wohnort von Piet benannte. Dieser Ziest ist inzwischen weit verbreitet, vollkommen zu Recht, sein leuchtendes Dunkelrot kann ich dir nur ans Herz legen. Und zum Zweiten eine verrückte Fahrt mit einem Freund nach Hummelo, zu Piets ersten Gartentagen. Ich kann dir nicht mehr sagen, wann dies genau gewesen ist, ich meine, es war Ende der 80er-Jahre. Ich fuhr von Österreich über Baden-Württemberg nach Holland, dort feierten wir dann am Abend zusammen mit einigen niederländischen, traditionellen Staudengärtnern vorweg, um dann im Gewächshaus von Piet auf dem harten Boden todmüde mehr schlecht wie recht zu schlafen. Am nächsten Tag fanden dann seine Gartentage statt, ich sah wohlbekannte Namen mit einem Male persönlich vor mir stehen und plauderte mit ihnen. Damals waren Rob Leopold, Henk Gerritsen, Dick van Gelderen, Romke van de Kaa, Eleonore de Koning und einige andere mit von der Partie, alle in trauter Gemeinsamkeit. Am frühen Nachmittag fuhr ich dann den ganzen Rutsch wieder zurück! Damals machte man noch solche verrückten Exkurse, aber man ist schließlich älter geworden!

Dies ist Astrantia ‘Roma’, wahrscheinlich eine Hybride zwischen Astrantia major und Astrantia maxima. Die Blütezeit erstreckt sich von Juni bis in den Hochsommer hinein. Besonders größere Gruppen sind äußerst wirkungsvoll! Bei uns steht sie vor zartem Chinaschilf (Miscanthus sinensis ‘Sarabande’) und zwischen violetten Geranium × magnificum. Gleichzeitig blüht eine zartblaue Büschelglockenblume (Campanula lactiflora). All diese Stauden vertragen sich nicht nur, sondern beanspruchen auch ungefähr dieselben Bodenverhältnisse.

Astrantia 'Roma'

Als ich mich vor 23 Jahren selbständig machte, wurden die Sterndolden schon recht bald ein fixer Bestandteil unseres Sortimentes. Allein, wir hatten zunächst große Mühe, hier auf die erforderlichen Stückzahlen zu gelangen. Erstens, weil sie immer mehr populär wurden und die Nachfrage riesengroß war. Und zweitens in unserem schweren Lehmboden in voller Sonne traten Wachstumsprobleme auf, dazu schmeckten den Schnecken die frischen Austriebe, bis hin zu den wesentlich heißeren Sommern, gegenüber England und Holland ein echtes Problem. Erst als ich den Boden mit Kompost aufbesserte und regelmäßig wässerte und düngte, stellte sich der Erfolg sichtbar ein. ‘Ruby Wedding’ jedoch war zu jeder Zeit eine ausgemachte Zicke, sie tat mir nicht den Gefallen, flott dahin zu wachsen, wie die meisten der anderen Sorten. Man muss sie wesentlich länger stehen lassen, bis sie größere Horste bildet. Macht nichts, ein gleichwertiger Ersatz ist ‘Claret’, dies ist ein Sämlingsstrain von ‘Ruby Wedding’, der in etwa die gleiche Farbe besitzt. Leider wird wegen ihres schlechten Wachstums die echte ‘Ruby Wedding’ kaum noch angeboten. Wir haben sie noch, doch stets in limitierter Stückzahl.

Ab der Jahrtausendwende wurden dann Sterndolden erst so richtig „in“! Beinahe in jeder Gartenzeitschrift waren sie abgebildet und als das Nonplusultra angepriesen, als ein „Element des Dutch Wave“. Sie vermittelten ähnlich der Wiesenrauten und Wiesenknöpfe eine gewisse Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Natürlichkeit möchte ich absichtlich nicht in den Mund nehmen, denn natürlich sind für mich ohnehin die allermeisten Stauden. Eine außerordentlich reich blühende Sorte ist nebenbei ‘Buckland’, ein weißliches Rosa, auch hier wirkt erst eine größere Gruppe. ‘Buckland’ ist darüber hinaus auch eine fantastische Rosenbegleitstaude!

Astrantia 'Buckland'

In deinem Garten sollten alle gängigen Astrantiensorten auf jeden Fall einen ausgeruhten, guten Gartenboden vorfinden, welcher die nötige Grundfeuchtigkeit aufweist und genügend Nährstoffe vorhanden sind. Mein Freund Ewald Hügin behauptete immer, bei ihm in Freiburg könne man Astrantien glattweg vergessen, wegen der überaus hohen Sommerhitze im Oberrheingraben. Ich würde nicht gleich die Flinte ins Korn schmeißen, sondern Astrantien im Südwesten Deutschlands und im Wiener Becken auf jeden Fall einen halbschattigen, kühlen Standort zugestehen, falls du überhaupt in der glücklichen Lage bist und ihnen das bieten kannst. Kaiserstuhl Südhang zwischen Rebstöcken, da versagen sie gänzlich, das ist wohl klar. Ich kenne aber Gärten im sonnigen Burgenland, wo Sterndolden trotz der sommerlichen Hitze und dem trockenen Ostwind ganz passabel gedeihen. Es reichen rund fünf bis sieben Stück pro Quadratmeter. Kombinieren kannst du sie ganz nach deinem Geschmack. Ideale Begleitstauden sind besonders Taglilien und Schlangenknöterich, aber auch zwischen Funkien und Storchschnäbel aller Art. Und sie sind überdies auch ganz hervorragende Schnittstauden!

Unser Verkaufspavillon wurde nun endlich fertiggestellt und schon gleich in Beschlag genommen, worüber ich äußerst froh bin. Denn die alten, schönen Schränke, Regale und all die Bücher vertragen nun mal kein Gewächshausklima. Auch für die Registrierkasse sollte ein trockener Platz ebenfalls von Vorteil sein. Mit der Zeit vergilbte alles, offene Bücher wellen sich innerhalb weniger Stunden. Obgleich ich allergisch auf diesen ganzen Plastikfolienkram bin, bei meinen vom Ulmer-Verlag zugekauften, eigenen Büchern bin ich sehr froh drum, dass diese in Folien eingeschweißt sind. So nehmen sie keinerlei Schaden durch zu hohe Luftfeuchtigkeit. Auch hängt nun ein Teil meiner historischen Vogelkäfige nun im Trockenen. Dieser Pavillon kostete wohl eine Kleinigkeit, aber diese Ausgabe musste endlich mal sein.

Pavillon

 

Pavillon Innenansicht

Das dir bekannte, so sympathische Holzhäusel mit den Sempervivum auf dem Ziegeldach steht gleich nebenan, aber leider nicht mehr sehr lange! Im Sommer finde ich mehr Zeit, das Drumherum um den Pavillon ansprechend zu gestalten. Zwar hat meine Haus- und Hoffotografin Rachele Cecchini mit einem Bild von dieser Holzhütte einen sehr hohen Preis erzielt und vielen Kunden, einschließlich ein paar meiner engsten Freunde sind nach wie vor dagegen, sie abzureißen. Sie gibt sich jedoch neben dem Pavillon als nicht mehr sehr präsentabel, außerdem neigt sie sich bereits gefährlich auf die Seite. An ihrer Stelle gestalte ich einen Sitzplatz für dich, denn der alte musste ja im Zuge des Pavillon-Neubaus weichen. Warte es ab, auch ein neuer Pavillon wird einmal alt. Und verblichen und vergilbt, ich kann dies tatsächlich kaum mehr erwarten! Viele deiner Freunde frohlocken ob dem herrlichen Holzduft und dem neuen Holzambiente, ich halte es lieber mit eher Altem und muffigem, als wäre die Zeit stehengeblieben. Aber jeder tickt da anders, dabei treten wir trotz aller Nostalgie ja nicht auf der Stelle!

Dieses Frühjahr begann nach einem ausgeglichenen Winter recht kühl und moderat, vor allem aber ohne ruppige Seitenhiebe. Und die allermeisten Stauden stehen vor uns, dass es eine wahre Wonne ist! Wenn ich durch unsere Quartiere schlendere, freut es mich außerordentlich, dass alles so wunderbar dasteht und nur darauf wartet, geradezu explosionsartig auszutreiben und zu erblühen. Nach dem letzten Katastrophenjahr ist dieses Frühjahr echter Balsam auf meine Gärtnerseele! Besonders der Phlox strotzt mit seinen Trieben geradezu vor Kraft, die Töpfe sind bei vielen Sorten pralle voll davon!

Und es wird auch endlich einmal Zeit, mich bei dir zu bedanken, für die jahrelange Treue und dein Verständnis für die argen Winterschäden des letzten Jahres, welche sich bei manchen Stauden erst im Laufe des Frühjahrs bemerkbar machte. Wo es machbar war, haben wir selbstverständlich ohne große Umschweife Ersatz geliefert. Für deine Geduld und dein Verständnis kann ich trotzdem von ganzem Herzen Danke sagen!

Wo treffe ich dich als nächstes? In Berlin natürlich, am großen Staudenmarkt im Botanischen Garten in Dahlem. Hoffentlich spielt auch hier das Wetter wieder mit. Auf Berlin freue ich mich immer ganz besonders, trotzdem wir im Jetzt leben, schwebt dort eine Art Aura aus vergangenen Tagen, Foerster und andere lassen grüßen. Ich treffe dort immer enorm viele Bekannte, Freunde und Kollegen an. Die Fahrt in den Norden erfolgt im Gegensatz zu anderen Reisen durch die Bundesrepublik meist sehr entspannt und so freue ich mich nicht nur auf dich und deine Staudenfreunde, sondern auch auf die alljährlich wiederkehrende Zeremonie, mich wenigstens an einem Abend traditionell an einer Riesenportion Eisbein und Sauerkraut zu laben, selbstverständlich mit einem „Berliner Kindl“! Wenn du ganz schnell entschlossen bist, kann ich dir noch Pflanzen mitbringen!

Ein anderer, wichtiger Termin ist die Wiener Raribö! Auch dorthin bringen wir dir gerne Pflanzen mit. Wir stehen wieder am selben Ort, nahe dem altehrwürdigen Ginkgobaum in der Mitte des Botanischen Gartens am Rennweg.

Und am letzten Aprilwochenende findet wieder unser jährliches Offenes Wochenende statt, welches wir mit anderen Kollegen der näheren Umgebung bewerben. Wie üblich triffst du in unserer Gärtnerei wie auch in den Jahren zuvor einige Mitaussteller. Ein besonderer Magnet ist vor allem „Clematis Herian“, bei denen du über ihren Online-Shop Vorbestellungen tätigen kannst, die sie dir dann zum Wochenende mitnehmen. Du weißt ja sicher, dass sie nicht nur eine ganz hervorragende Qualität anbieten, sondern auch eine Auswahl führen, die du nicht alle Tage erlebst, besonders nicht hier bei uns in Österreich! Clematis gehören in jeden Garten, ob du sie mit Strauchrosen verknüpfst oder in alte Obstbäume klettern lässt. Aber denke auch hier an eine gründliche Bodenvorbereitung, das A und O einer jeglichen Pflanzaktion. Und denke bitte auch daran, dass Herians heuer nur am Samstag anwesend sein werden!

Neu im Bunde ist Sapon Vitae aus dem östlichen Niederösterreich. Was verbirgt sich wohl hinter diesem klangvollen Namen? Ein junger, kreativer Kopf mit einigen ausgefallenen Ideen, mit handgeschöpfter Seife, Bimssteinen und dergleichen. Jedenfalls etwas durch und durch Sinnvolles für deine geschundenen Gärtnerhände.

Und dann sind da noch die Eltern von Katrin Lugerbauer mit ihren leckeren Marmeladen und selbstgemachten Chutneys anwesend. Auch hierin ist gehörig Kreativität gefragt. Mich wundert nur immer, woher sie die Zeit nehmen, diese riesen Auswahl zu präsentieren!

Bleibt mir nur, dir eine schöne Zeit zu wünschen und deinen Garten zu genießen, ich drehe inzwischen meine Runden in der Gärtnerei und richte deine Aufträge.

Alles Gute weiterhin!

Dein Staudengärtner Sarastro

Christian Kress

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Christian H. Kreß und Mitarbeiter