Dienstag 19 März 2019

Rundbrief Februar 2019

von  Christian H. Kreß

Sarastro-Rundbrief 02/2019

Liebe Pamina, hallo Papageno!
 
Sicher denkst du, wir hier ersticken im Schnee! Weit gefehlt. Leider glauben die meisten von deinen Gartenfreunden immer noch, dass Österreich anscheinend gänzlich aus hohen Bergen und tiefen Alpentälern besteht. Aber sicher hast du inzwischen herausbekommen, wo wir liegen, nämlich gleich auf der anderen Seite der Grenze zum Freistaat Bayern, im leicht hügeligen Innviertel. Und hier ist momentan nichts von der weißen Pracht zu sehen! Ganz anders hingegen in der zentralen Alpenregion, du wirst es ja sogar in den Nachrichten gesehen haben. Dort türmen sich die Schneemassen, erreichen nie gekannte Ausmaße, teilweise bis zu 5 m und dicker! Viele Bewohner der Obersteiermark, des Salzburger Landes und Teilen Tirols waren tagelang eingeschlossen, was nur sehr selten vorkommt. Bin schon gespannt auf eine eventuell auftretende Hochwassersituation, die uns im Frühling treffen könnte. Denn der Schnee hat auch den Bayrischen Wald und das nahegelegene Voralpenland fest im Griff, eben nur bei uns nicht, so ähnlich wie im letzten Sommer, wo wir die „ausgewiesene Trockenzone“ waren. Trotzdem sind wir zum Glück mit den Grundwasserständen einigermaßen im Lot, was die normale Jahresniederschlagsmenge anbelangt.

Wir hatten im Dezember kurzfristig ein Familientreffen in Südamerika organisiert. Meine jüngste Tochter befindet sich derzeit in Ambato/Ecuador und betreut dort während eines freiwilligen sozialen Jahres in einem Projekt Straßenkinder und Kinder aus schlecht situierten Verhältnissen, was ihr sehr großen Spaß bereitet und sie sicherlich nachhaltig prägt. Wir trafen uns dort und starteten eine Tour in den Oriente, sowie ins vulkanisch geprägte Hochland. Der Oriente ist das Tiefland weit im Osten, es zählt schon zum Einzugsgebiet des Amazonas, alle Flüsse fließen Richtung Osten und münden in ihn. Ich mach mir ja sonst nichts aus tropischen Gegenden, doch diese Reise wurde mir zum unvergesslichen Erlebnis. Und es zeigte sich wieder einmal, dass auch ein Staudengärtner über seinen Horizont hinweg Ausschau halten sollte, allein schon wegen der geradezu unglaublichen, exotischen Pflanzenfülle!

Dschungelerlebnis

Wundervolle Motive, ein echtes Dschungelerlebnis!

Traumziel

Traumziel, auch für Staudenliebhaber aus kühleren Regionen: die Amazonas-Regenwälder in Ecuador

Ganz besonders beeindruckten mich diese unglaublichen Urwaldriesen, Bäume, die über 500 Jahre alt sind und bis zu 12 Meter im Durchmesser und 60 m in der Höhe messen! Ehrfürchtig steht man davor, bei der indigenen Bevölkerung werden sie sehr verehrt und deshalb kann ich es absolut nicht verstehen, dass man solche Aristokraten immer noch gnadenlos abholzt!

Urwaldriese

Wir reisten natürlich nicht nur in den Urwald, sondern auch in die Vulkangegenden, für die Ecuador so bekannt ist. Über 90 hochaktive, schlummernde und erloschene Vulkane existieren in diesem Andenstaat, der höchste von ihnen, der Chimborazo, etwa 6.300 m hoch.

Zu deiner Information: dieser höchste Berg Ecuadors ist vom Erdmittelpunkt gemessen höher als der Mount Everest, da die Erde ja keine gleichmäßige Kugel darstellt. Die Pflanzenwelt in den Hochtälern, an den Vulkanen und vor allem in der oberen Nebelwaldzone ist natürlich für unsereins ebenfalls hochinteressant und überaus spannend. Wir sprechen hier von einer Höhe zwischen etwa 2.700 m und 4.500 m ü. M. Dort wachsen die absonderlichsten Stauden und Gehölze. An ein Gedeihen in Mitteleuropa brauchen wir keinerlei Gedanken zu verlieren, das ist wohl ein aussichtsloses Unterfangen, obgleich einige Fuchsien, die blauen Tibouchina, einige Engelstrompeten und manche Orchideen der unteren Regionen mir durchaus bekannt waren. Allein schon das Betrachten und Bestaunen viele dieser Besonderheiten half, über eine etwaige Winterdepression hinweg zu kommen.

Das Reisen innerhalb Ecuadors ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern denkbar einfach. Zum Glück, denn in der Vergangenheit war dies nicht immer der Fall. Natürlich wären gute Spanischkenntnisse von großem Vorteil, es geht aber auch mit einer Art spanischer Lebensmittelsprache, man verhungert dort nicht so schnell. Ecuador hat außerdem ein hervorragendes Bussystem, sowie eine gute Infrastruktur, in den Städten bringen die Taxis dich sehr preiswert und rasch von A nach B. Die Altstadt der Millionenmetropole Quito gehört neben dem polnischen Krakau zu den allerersten historisch bedeutsamen Städten, denen der Status „Weltkulturerbe“ zuerkannt wurde.

Ein Problem allerdings sollte dir bei einer Reise nach Ecuador klar sein: wenn du dich innerhalb kurzer Zeit zu schnell in große Höhe begibst, so kannst du leicht an der Höhenkrankheit leiden. Wir kamen in Quito an, die Hauptstadt liegt bereits auf rund 2.500 m Seehöhe. Dann fuhren wir Richtung Amazonien, das Tiefland dort lag auf etwa 500 m. Von dort fuhren wir nach einigen Tagen wieder nahe 3.800 m auf eine Hochfläche hinauf, unterhalb des Vulkanes Cotopaxi gelegen, ohne vorherige nennenswerte Akklimatisation. Wir machten zwar einige Wanderungen, bei denen ich mir konditionell überhaupt nichts dachte, nur die dünne Luft veranlasste mich zu schnellerem Atmen, besonders, wenn ich zu schnell unterwegs war, dies ist aber vollkommen normal. Doch dieses Mal litt ich unter einer Art Schnappatmung vor dem Einschlafen, da ich in der Einschlafphase zu wenig Luft bekam. So lag ich zwei Nächtelang ohne nennenswerten Schlaf, bis sich mein Körper einigermaßen an die Höhe gewöhnt hatte und die Lunge sich auch nachts einem richtigen Atemrhythmus unterzog. Das ist höchst unangenehm und man verfällt so richtig in Panikattacken.

Ceratostema alatum

Ceratostema alatum, ein Erikengewächs mit 10 cm langen, leuchtendroten Blüten!

Lupinus pubescens

Lupinus pubescens, wird nicht höher als 50 cm. Diese könnte sogar bei uns was werden!

Senecio rhizocephalus

Senecio rhizocephalus. Kleine, zwischen Grasbüscheln sitzende Rosettchen

Senecio chionogeton

Senecio chionogeton, mit nickenden Blüten, wächst in rund 4.000 m Höhe.

Senecio nutans

Senecio nutans erinnerte mich an Senecio polyodon, nur mit nickenden Blüten.

Dies hielt mich allerdings nicht davon ab, am Cotopaxi zumindest bis zur vergletscherten Zone in 5.000 m Höhe hinaufzusteigen. Es war ein unglaubliches Erlebnis! Bis zum Kraterrand wären es nochmal 800 m hinauf gewesen, die ausschließlich mit Führer und Steigeisen bewältigt werden können. Der Aufstieg erfolgt mitten in der Nacht, sonst schafft man den Aufstieg und Rückweg nicht. Und dies war mir dann doch zu großes Heckmeck, denn am Kraterrand findest du nichts mehr an irgendwelchen interessanten Pflanzen, die Vegetation hört dort schon bei etwa 4.800 m auf. Es wäre natürlich schon ein Erlebnis gewesen, so hoch oben den Sonnenaufgang zu erleben!

Cotopaxi

Hier ein Blick auf den Cotopaxi, dem höchsten aktiven Vulkan der Erde

Mit dem Bestimmen von Pflanzen in Ecuador ist es schwierig, bei manchen tappt man vollkommen im Dunkeln. Ich hatte allerdings das Riesenglück, am letzten Tag den Botanischen Garten Quito zu besuchen und ich staunte nicht schlecht, denn er beherbergte nicht nur eine enorme Anzahl an endemischen Pflanzen, dabei ganz besonders Orchideen, sondern auch eine gehörige Sammlung an allerlei Nutzpflanzen, auch davon war vieles für unsereins vollkommen unbekannt. Ich fand, dass sich an diesem Garten auch so mancher Botanische Garten in Mitteleuropa eine Scheibe abschneiden kann, nicht wegen dem vorbildlichen Pflegezustand, sondern in der Anordnung, sowie der Vergemeinschaftung vieler Pflanzen. Einzig die Etikettierung ließ etwas zu wünschen übrig. Dafür fanden wir ein Cafe, sowie einen Souvenirshop mit einigen Büchern im Angebot. Und diese waren überaus brauchbar! Ich kaufte mir gleich drei, welche gute Pflanzenbeschreibungen aufwiesen und ausreichend gut bebildert waren. So konnte ich immerhin rund Dreiviertel der gefundenen Pflanzen bestimmen. Und eine kleine Auswahl möchte ich dir hier ja doch zeigen!

Dorobea pimpinellifolia

Dorobea pimpinellifolia erinnerte mich an ein Doronicum, hatte allerdings gefiederte Blätter

Am Dienstag bin ich von meiner Vortragstour aus Norddeutschland zurückgekehrt. Das war zwar recht anstrengend, aber ich mache das nach wie vor sehr gerne und man lernt wieder eine Menge sehr netter, gleichgesinnter Menschen kennen. Auch viele deiner Freunde und Bekannte traf ich. Vor allen Dingen freute ich mich sehr darüber, dass an jedem Ort der Saal mit Zuhörern gut gefüllt war, ob dies in Kassel, Herford, Braunschweig oder im Audimax der Universität Kiel war. Es macht mir nämlich erst dann so richtigen Spaß, über Gartenärger und Staudenverwendung zu plaudern, über „Meine Welt der Stauden“, wenn die Säle voll sind! Leider neige ich zunehmend mehr zur Angewohnheit, mich zu „verquatschen“ und zeitlich zu überziehen, weil mit mir der Enthusiasmus durchgeht!

Als Tipp kann ich dir den Botanischen Garten in Kiel nur wärmstens empfehlen, falls du mal in den Hohen Norden Deutschlands kommst. Eine wunderbare Adresse, geradezu unglaublich, was die Leute dort an Pflanzenraritäten zusammengetragen haben, alles vorbildlich dokumentiert. Vor allem aber hatte ich in Kiel das Gefühl, dass hier Schwung und Dynamik Einzug gehalten haben, kein ausschließlich „musealer“ Erhalt von Pflanzen, sondern neben der Lehre auch viel Öffentlichkeitsarbeit im Vordergrund steht.

Zu Beginn dieser Reise besuchte ich wieder einmal seit Längerem die Internationale Pflanzenmesse in Essen, den meisten als IPM bekannt. Dies ist die weltweit größte Fachmesse ihrer Art, die sogenannte Leitmesse des Gartenbaues, allerdings ausschließlich für Fachpublikum. Einige Tausend Aussteller teilen sich die Plätze in acht großen Hallen. Ich kennen nicht wenige Gärtner, die sich die IPM als jährlichen Pflichtbesuch in den Kalender schreiben. Um es vorweg zu sagen, für mich reicht es vollkommen, diese Messe alle fünf bis acht Jahre anzusteuern. Für viele Aussteller ist der Hauptpunkt nicht ein schneller Geschäftsabschluss, sondern der Kontakt zur Kundschaft, nach dem Motto „Sehen und gesehen werden“. Ich suchte einige mit bekannte Kollegen aus dem Staudensektor auf und interessierte mich für ein paar technische Belange. Dabei stieß ich immer wieder auf Bekannte. Zu einem längeren Plausch fand ich mich unter anderem beim Ulmer- Verlag ein.

Sehr spannend war für mich der so unterschiedliche Standaufbau der Firmen. Während die einen ihren Stand regelrecht hypermodern durchstylten, was durchaus seinen Reiz hatte, reichte es anderen offenbar vollkommen, wenn sie ein großes Firmenschild, einen Prospektständer, ein paar Blumensträuße, sowie den obligaten Kaffeeautomaten hinstellten. Zwischen diesen Extremen sah man wenig Liebevolles, Nüchternheit war offenbar Trumpf. Die großen Meister im Standgestalten aber waren nach wie vor die Italiener, Spanier und Portugiesen, sie handelten wenigsten nach dem Slogan „Lasst Pflanzen sprechen“. Aber vielleicht sehe ich eine Standgestaltung aus einem vollkommen anderen, hier nicht angebrachten Blickwinkel?

In erster Linie ist die IPM für Wiederverkäufer von Pflanzen und Zubehör da, wobei ich feststellte, dass das Verhältnis Technik zu Pflanze gehörig auseinanderdriftet. Während vor rund zehn Jahren nahezu ausschließlich die Pflanze im Vordergrund stand, nahm Technik und Floristik in den letzten Jahren sehr zu. Viele Baumschulkollegen und Staudengärtner nehmen gar nicht mehr teil, weil anscheinend die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr aufgeht. Und echte Pflanzenneuheiten musste man suchen, für meinen Teil sah ich nur ganz wenige, höchstens in einer neuen Verpackung! Da bekam ein Kollege aus Holland einen Preis für eine patentierte Hauswurz, wo ich mich allen Ernstes frage, was denn daran so neu war. Und an jedem geschätzten, dritten Stand waren Heuchera-Jungpflanzen oder Phalaenopsis zu sehen, als gäbe es gar nichts Anderes. Auch auf dem Zierpflanzensektor allgemein waren sicherlich die Kataloge besser bestückt als die Firmenstände!

Für unsereins als Sortiments-Staudengärtnerei ist es daher viel sinnvoller, regelmäßig eine Reise zu Gleichgesinnten in Gärtnereien, in die freie Natur oder in gut sortierte Botanische Gärten zu machen! Hier liegt viel eher unsere Zukunft. Trotzdem finde ich es äußerst wichtig, auch in die Realität der Pflanzenindustrie hineinzublicken und festzustellen, dass viele von denen auch nur mit Wasser kochen. Und noch etwas: dieses gekünstelte Pseudogetue in Lack und Klack war noch nie meines, was aber nicht heißen soll, dass gepflegtes Auftreten nicht nach wie vor von großer Sinnhaftigkeit sein sollte.

Hier ruht momentan die Gärtnerei. Aber die Vorbereitungen auf die kommende Saison laufen bereits. Auch die Fertigstellung des Pavillons geht langsam in die Endphase. Momentan bin ich allerdings mit Artikelschreiben und Vorträgen immer noch ganz schön ausgelastet. Wo ich mit meinen Vorträgen unterwegs bin, kannst du stets auf meiner Website nachverfolgen. Auch die Themen habe ich aktualisiert, es sind weitere, vielleicht interessante Vortragsthemen dazugekommen.

An welchen Veranstaltungen wir dieses Jahr teilnehmen, kannst du unter „Veranstaltungen und Termine“ ersehen, die Termine wurden schon im November aktualisiert. Für uns nach wie vor wichtig sind die beiden Pflanzenmärkte Berlin und Wien, aber auch die Events in der eigenen Gärtnerei werden für uns immer wichtiger! Leider mussten wir zwei Termine ersatzlos streichen, da wir unser anstehendes Pensum in der Gärtnerei sonst nicht bewältigen. Sei darüber bitte nicht enttäuscht, es sind unter anderem die Freisinger Gartentage, bei denen wir von Beginn an dabei waren. Viele Bekannte von dir habe ich dort als Stammkunden kennen und schätzen gelernt. Es ist der mit Abstand niveauvollste Pflanzenmarkt im süddeutschen Raum, rundherum mit viel gärtnerischer Kultur! Aber das letzte Jahr hatte mir die Augen verschiedentlich sehr weit geöffnet. Und von Freising zu uns sind es nur etwa Eineinhalb Stunden Fahrtzeit, daher, liebe Pamina lohnt es sich also wirklich, zu uns zu kommen!

Du kannst ohne weiteres schon jetzt deine Pflanzenwünsche über den Webshop bekanntgeben, mittels einer Bestellung. Deinen gewünschten Lieferzeitraum gibst du an, egal wann dieser auch immer sein wird. Aber bitte nicht vergessen, solange noch Schnee und Eis bei uns regieren, kann nichts versendet werden, wie auch im Hochsommer der Versand auf eigene Gefahr erfolgt. Denn du willst ja lebende Pflanzen erhalten!

Damit wünsche ich dir noch einen ruhigen Winterverlauf. Lieber jetzt Eis und Schnee, als erst im März, wenn dann durch einen schroffen Temperaturwechsel womöglich wieder großer Schaden auftritt.

Alles Gute weiterhin, dein Staudengärtner Sarastro

Christian Kress

 

Christian H. Kreß und Mitarbeiter