Montag 10 Dezember 2018

Summt da was? Hoffentlich!

von  Monika Zybon-Biermann

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

UmschlagbildDieser Roman war ein Bestseller des Jahres 2017: Die Handlung startet mit einem Sprung in die Zukunft. Im Jahre 2098, in China, erinnert die Realität in einer Obstplantage keineswegs an romantisches Landleben. Der Alltag der Männer und Frauen, die in Obstbäume klettern müssen, um Blüten zu bestäuben, ist eher armselig und hart. Der Grund: Es gibt keine Bienen mehr.

Maja Lunde führt die Leser in drei Zeitebenen an ein Thema heran, das weit mehr als andere Geschichten über Tiere auf fundamentale Weise mit unserer eigenen Existenz verknüpft ist.
 
Die erste Ebene spielt  im 19. Jahrhundert - genauer gesagt im Jahre 1852. Der Biologe und Samenhändler William ist an einem Tiefpunkt angelangt. Krank und mit wirtschaftlichen Problemen, verlassen auch von seinem bisherigen Mentor Rahm, versucht er verzweifelt, die eigene Existenz und damit auch die Versorgung seiner Familie wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Mit der Idee für den Bau eines neuartigen Bienenstocks glaubt er die zündende Idee zur wirtschaftlichen Rettung gefunden zu haben. Doch als er endlich seinen Entwurf fertig hat, muss er feststellen, dass ein anderer ihm zuvorgekommen ist.

Die 2. Periode schildert Ereignisse im US-Bundesstaat Ohio, 2007. Imker George hat kein leichtes Leben. Die Imkerei wirft zu wenig ab, der Sohn, der eigentlich den Hof übernehmen soll, will  einen ganz anderen Beruf, ein anderes Leben. Und dann geschieht etwas Schreckliches : Die Bienen sind nicht mehr da. Auf einmal sind alle fort…

Ganze Völker verschwinden spurlos

Das Bienensterben, auch „Colony Collaps Disorder“ (CCD) genannt, ist ein bekanntes Phänomen, das bereits im 19. Jahrhundert beobachtet wurde. Die Bienen verschwinden ganz plötzlich. Und das, ohne eine Spur zu hinterlassen; es werden keine toten Tiere im oder am Stock gefunden. Nur die hilflose Brut bleibt zurück. Diese Erscheinung, die auch jetzt, im 21. Jahrhundert, in Nordamerika und Europa auftritt, ist bis heute ungeklärt. Imker und Wissenschaftler stehen noch immer vor einem Rätsel.

Die dritte Zeitebene schildert eine fiktive Zukunft in China, zwei Jahre vor der nächsten Jahrhundertwende. Die landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin Tao steht im Mittelpunkt der Handlung. Sie arbeitet als Bestäuberin von Obstbäumen. Bienen gibt es nicht mehr. Für die Menschen ist das ein harter Job. Schlecht bezahlt, anstrengend, nicht ungefährlich.

Darüber hinaus ereignet sich eines Tages etwas Furchtbares auf der Plantage. Taos einziger Sohn hat einen Unfall. Und wird, ohne dass die Arbeiterin und ihr Mann irgendetwas erfahren, fortgebracht. Um ihn zu finden, macht sich Tao auf den Weg durch ein destabilisiertes und ungeordnetes Reich der Mitte. Seit Jahrzehnten werden Nahrungsmittel immer knapper. Den Menschen geht es zunehmend schlechter. Die Verhältnisse sind chaotisch; die Zivilgesellschaft scheint am Ende zu sein.

Nach einer abenteuerlichen Suche erlebt Tao das Licht am Ende des Tunnels. Die Bienen sind zurückgekehrt und die Menschen – nun, sie scheinen endlich ihre alten Fehler zu erkennen. Tragischer Aspekt für die Romanheldin: Die Rückkehr der Bienen ist mit dem Tod des einzigen Sohnes verbunden gewesen. Er ist gestochen worden und an einem allergischen Schock gestorben. Dennoch gibt es (nahezu) ein Happy End, zumindest Hoffnung auf Rettung in letzter Minute.

Dass die Geschichte von Bienen und Menschen miteinander verbunden ist, hat nicht erst Einstein erkannt. Sein berühmtes Zitat stammt von 1949: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr.“

In der Tat können andere Insekten wie Hummeln, andere Wildbienen und Schmetterlinge die Honigbiene nicht ersetzen. Das sprichwörtlich fleißige Tierchen befruchtet 80 Prozent der Nutzpflanzenblüten; alle übrigen Arten zusammen die restlichen 20 Prozent.

Die Norwegerin Maja Lunde führt uns auf eine spannende Zeitreise, die verdeutlicht: Wir selbst bestimmen, wie es mit der Natur und damit uns selbst weitergeht. Dennoch ist die brillant geschriebene und spannend aufgebaute Geschichte kein vollkommen realistisches Bild. Genau genommen dürften wir nicht mehr bis 2098 warten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es dann zu spät für vernünftige Einsichten sein könnte. In China werden bereits heute in Teilen des Landes Obstbäume durch Menschen von Hand bestäubt...

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

btb Verlag München   ISBN 978-3-442-75684-1

Hummeltod
Was hier herumliegt, sind tote Hummeln.  Sie erledigen eine ähnliche Arbeit wie die Bienen, sind aber weniger effektive Arbeiterinnen.
Zeichnung: Monika Zybon-Biermann