Sonntag 21 Oktober 2018

Gartenziele über die Grenze hinweg

von  Monika Zybon-Biermann

Deutsch-Niederländisch: Grüne Paradiese am Niederrhein

 Erster Eindruck


Der „Tuin Verheggen“ präsentiert sich auf klassische Weise:
Gartenzimmer, Rasenwege, Insel- und Randbeete
– und immer noch: Buchs!


Vom Ruhrgebiet zum Niederrhein und von dort aus über die Grenze in die Niederlande – das bedeutet eine überschaubare Fahrstrecke. Ideales Ziel also für einen Tagesausflug mit der Gesellschaft der Staudenfreunde (GdS). So machten sich  am Samstag, 15. September, morgens im Rombergpark die in und rund um Dortmund wohnenden Gartenliebhaber auf den Weg, sammelten in Essen die übrigen Teilnehmer ein, um dann die Fahrt nach Westen fortzusetzen. Vier Gärten standen auf dem Programm. Gartenreiseprofis wissen: wer so viel vorhat, braucht Kondition, selbst wenn an den Zielorten keine Gebirge zu erklimmen sind.

Das erste Ziel: Lottum, so ländlich und bescheiden Größe und Einwohnerzahl auch sein mögen: In Sachen Pflanzenzucht gehört der kleine Ort zu den Großen in Europa. Lottum ist Zentrum des niederländischen Rosenanbaus. 20 Millionen Rosenstöcke werden hier jährlich produziert. Rosen gab es auch im ersten Garten, dessen Pforten für die Gäste aus dem Ruhrgebiet geöffnet wurden.

Aber die beachtlichen 3 800 Quadratmeter rund um ein ländliches Einfamilienhaus gehören nicht zu einer Gärtnerei, sondern werden privat genutzt: Theo und Nel Verheggen sind schon seit fast einem halben Jahrhundert hier zu Hause. Zuerst war das Grün rund um das Familienheim vor allem Spielplatz für die Kinder. Die hatten genug Platz, um sich auf den Rasenflächen mit einigen großen Bäumen auszutoben. Noch heute gibt es einen alten Götterbaum, der bisher jeden Sommer Schatten spendete.  Hitze und Trockenheit von April bis September 2018 sind dem mächtigen Ailanthus altissima aber sichtlich schlecht bekommen. Sein Blattwerk ist jetzt, im frühen Herbst nur noch spärlich, manche Äste schon kahl, seine Zukunft ungewiss.

Auch hier: Kampf gegen den Zünsler!

Die Terrasse am Haus ist leicht erhöht. Von dort ist das Gelände zu überblicken, das durch eine Wegachse, Laubengang und niedrige Hecken architektonisch aufgeteilt ist. Die Hecken sind immergrün. Sie gucken fragend –  ja, in der Tat, es ist Buchsbaum. Und? Ja, Sie vermuten richtig – der Zünsler ist auch schon da. Allerdings zeigt sich das perfekt geschnittene Grün noch recht vital, voller frischer Triebe. Man sieht, hier wird dem Eindringling aus Fernost nicht kampflos das Feld überlassen. Theo Verheggen versichert, er setze alle möglichen Mittel ein, sogar Spülmittel. Eine Besucherin gesteht, sie selbst habe es aufgegeben, den befallenen Buchs zu besprühen, die Schädlinge abzusammeln und herunter zu schütteln. Es wäre einfach zu schön, wenn irgendwann die heimischen Vögel lernten, dass und wie man die fetten Zünsler-Raupen in Vogelfutter verwandeln kann.

 Am buntesten


Der Herbst spart nicht mit Farbe:
Dahlien machen alles möglich.



Um den sandigen Boden des großen Geländes fit für Rosen und Dahlien zu machen, für die Verheggens eine Schwäche haben (neben den Stauden), ist Vorarbeit nötig. Und da der Hausherr alle seine Pflanzen selbst vermehrt, ist die kleine Gärtnerei mit allen technischen Einrichtungen einschließlich Kompostplatz kein Luxus. Die Beete in Hausnähe zeigen beeindruckende Beispiele dafür, wie man Rosen mit Stauden und sogar mit Dahlien harmonisch kombinieren kann.

Im Vier-Farben-Garten dagegen sind die Dahlien tonangebend. Sie bestimmen die Leitfarben in jedem Viertel. Im Schattengarten gibt es einen Seerosenteich, Farne und kleine Gehölze. Schlendert man durch das Gelände, bieten sich mehrere Sitzplätze zur Rast an.

Gelungener Mix

Ein „Mixed Boarder“ auf besondere Art. Und ziemlich aufwändig – mit Dahlien.

Im Sammlergarten gestaltet die Natur mit

Sieht wilder aus 
Freiheit für die Pflanzen ist die Devise im Berghemshoaf.
Was natürlich aussieht, ist trotzdem Gartenkunst.

Der Berghemshoaf in Sevenum bietet ein überzeugendes Kontrastprogramm zur vorhergehenden Gestaltung. Rund ums und am Haus geht es noch übersichtlich und „geordnet“ zu. Danach ließen die Schöpfer des 1 600 Quadratmeter großen Sammlergartens ihrer Liebe zur naturnahen Gestaltung freien Lauf. Hauptdarsteller sind  auch hier die Dahlien, deren vielfältigen Blütenformen und -farben  viel Platz eingeräumt wurde. Immerhin haben Chris Vijlaars und Hermann Schattevoer hier 600 Dahliensorten hier untergebracht – neben 1000 verschiedenen Stauden! Auf schmalen Wegen wanderten die Gäste durch den üppigen Dschungel aus Blüten und – im September nicht verwunderlich – zahlreichen Samenständen.

Großstauden aller Art, Ziergräser und Phloxe dominieren die Kulisse. Eine Übersicht bietet sich Besucherinnen und Besuchern zunächst von einem erhöhten Platz.  Macht man sich auf, das Terrain zu erwandern, fasziniert die nur aus der Nähe erkennbare Feinheit und Vielfalt von Strukturen und Farben. Die Pflanzen dürfen sich hier frei entfalten. Niemand legt ihnen sichtbare Fesseln an; zumindest erwecken Stauden und Dahlien den Eindruck, sie seien auf „natürliche“ Weise gewachsen und nicht gepflanzt. Gelegentlich darf das wohl auch geschehen, wenn eine Staude es schafft, sich an passender Stelle auszusäen…

Dramatische Wirkung dank alter Bäume

Nach der Wanderung durch den Naturgarten in Sevenum ging es zurück über die Grenze ins deutsche Nettetal. Der Gastgeber war diesmal zumindest einem Teil der Gäste kein Unbekannter. Hermann Gröne ist bekannter Gartengestalter, veranstaltet Gartenreisen und ist Buchautor. Er hatte nicht zum ersten Mal Staudenfreunde zu Besuch.

Das Haus auf einem 2000 Quadratmeter großen Grundstück entdeckten er und seine Frau Christina 1992. Das Gelände war damals ziemlich verwildert, bot aber, wie der Gartenprofi schnell feststellte, gute Möglichkeiten: einen sonnigen Teil in der Mitte (mit Platz für Staudenbeete) und an den Rändern erhöhte Bereiche und große Bäume. Der alte Baumbestand wurde mit in die Gestaltung  einbezogen; ihre Silhouetten bestimmen seitdem die Kulisse des Gartens, verleihen ihm Parkcharakter. Die Staudenbeete schwingen sich als organisch geformte Inseln durch die Fläche des Rasens. Garten-“Zimmer“ gibt es nicht. Alles ist überschaubar und bietet sich dar wie in einer Arena mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Die Rasenwege verbinden organisch alle Bereiche.

Laedierter Rasen 

Sommerhitze, Dürre, künstliche Bewässerung:
Der Rasen hat gelitten. Regenwürmer, Maulwürfe,
Wühl- und Spitzmäuse erledigten den Rest im Untergrund.
Resultat: Ein Hohlraum neben dem anderen...

Apropos Rasen: Der machte in diesem Supersommer mit seinen Hitzerekorden und der gnadenlosen Trockenheit auch Hermann Gröne Kummer. Damit er nicht völlig vertrocknete, war ausgiebiges Wässern unumgänglich. Und die Konsequenz? Gröne: „Dann kamen die Regenwürmer nach oben und alle Maulwürfe, Spitz- und Wühlmäuse kamen hinterher.“ Darum, so gestand er, habe er auch das Warnschild „Vorsicht Maulwurf“ am Eingang aufgestellt. Beim Betreten der Rasenflächen wurde schnell deutlich, warum der Hinweis Sinn machte. Unter der Grasnarbe war alles hohl. Die Gäste zeigten Verständnis: „Der Sommer war für uns alle eine Herausforderung.“

Das ästhetische Konzept des Nettetalers, von Kennern zeitgenössischer Gartenkultur längst akzeptiert, mag für manchen Hobbygärtner noch gewöhnungsbedürftig sein. Sauber geharkte Beetflächen mit einzelnen, stets „geputzten“ Blütenpflanzen sucht man vergebens. Gröne handelt nach den Grundsätzen „jäten statt hacken“ und „keine nackte Erde“. Er verwendet nur langlebige, an den Standort angepasste Stauden. Es gibt ein gelbes Beet, einen Steingarten, eine Trockenmauer und Themenbeete wie „Samt und Silber“, „Rote Blätter – rote Blüten“ oder Steppenheide. Im Frühjahr beginnt die Blütenschau mit vielen Geophyten, zunächst Narzissen, dann Allium. Im Spätherbst bestimmen die Gräser das Bild.

Zum Abschluss  des Besuchs ließen sich etliche BesucherInnen nicht die Chance entgehen, das Buch „Immerblühende Staudenbeete“ zu erwerben und vom Autor gleich signieren zu lassen. Hermann Gröne hat es zusammen mit Klaus Kaiser verfasst.

Blauer geht es nicht

Strahlendes Blau im Halbschatten: Bleiwurz (Plumbago) hat sich hier ausgebreitet. Ein Juwel in der Farbe der Saphire.

Gesamtkunstwerk aus Haus und Garten

Gesamtkunstwerk 
Eine Bauernkate aus dem 18. Jahrhundert,
behutsam restauriert, eingebunden in einen ganz besonderen Garten.

Der letzte Gartenbesuch fand im Nettetal nur wenige Kilometer entfernt statt. Im Riether Staudenparadies hat seine Eigentümerin, Susanne Cappel, in Zusammenarbeit mit der Pflanzenkünstlerin Sylvia Dorner einen ganz besonderen Garten geschaffen. Das dazugehörige Haus, eine Bauernkate aus dem 18. Jahrhundert, trägt zur romantischen Ausstrahlung des ganzen Anwesens bei. Der Vorgarten zeigt eine andere Handschrift als das große Gelände hinter dem historischen Wohnhaus. Natursteine, Ziegel und Splitterwege gliedern den Eingangsbereich, dem Sylvia Dorner ausdrucksstarke, robuste Pflanzen vom flachen Bodendecker bis zum Gehölz zuordnete.

Hinter dem Haus steigt das Gelände leicht an. Hier beginnt der eigentliche Garten, ein großes, langgezogenes Handtuch-Grundstück, das aber aufgrund der geschwungenen Rand- und Inselbeete sowie der zahlreichen alten Bäume nicht vollständig zu überblicken ist. Um es kennen zu lernen, muss man es über Rasenflächen erwandern. Die Gehölze passen in die ländliche Umgebung mit Feldern und Wiesen. Es sind vorwiegend Obstbäume, ergänzt durch eine Eiche und eine Gruppe von Cornus alba, dem Weißen Hartriegel. Dazu gibt es eine Esskastanie und einen Walnussbaum. Die reifen Maronen fanden einige BesucherInnen so verlockend, dass sie der Eigentümerin jeweils eine Tüte voll abkauften, nicht ohne Rezepte auszutauschen und die Frage zu klären, wie man die Schalen am besten von den Früchten abbekommt.

Im Vorgarten 

Der Vorgarten zeigt eine ganz andere Handschrift,
aber ebenso phantasievoll.

Die Staudenbeete am Rande der Gehölze präsentierten sich noch in Bestform, was nicht zuletzt ein Verdienst vieler Astern gewesen sein mag. Wie in den Gärten zuvor wird im Riether Staudenparadies mit der Natur gearbeitet. Standortgerechte Pflanzenwahl, dazu die Verwendung, robuster, manchmal wanderfreudiger oder auch selbstaussäender Arten und Sorten, bestimmen ein natürlich wirkendes Bild. Der Beetabschnitt, der am meisten Beifall bekam, war ein Bereich, der „sich praktisch von allein ausgesät hat,“ wie Susanne Cappel zur Verblüffung der ZuhörerInnen berichtete. Er entstand, weil sie einen Teil des im Spätwinter abgeschnittenen Staudenmaterials mit vielen Samenständen am Rande des etwas erhöhten Feldes, das den Garten begrenzt, ablud. Das Saatgut wurde – vielleicht vom Wind oder durch Tiere – verteilt.

Mutter Natur zeigte sich im Staudenparadies als Meisterin. Die Gärtnerin versicherte, sie habe nur minimal eingreifen müssen, um den Eindruck zu perfektionieren. Und heimste dafür viel Lob und Komplimente für das Gesamtkunstwerk aus Haus und Garten ein.

 

 



Fotos: Monika Zybon-Biermann