Dienstag 19 Juni 2018

Krokusse werden verbreitet

von  Michael Stork

Irgendwann im März ist es dann soweit: Krokusse blühen, hier der Elfenkrokus

 

Crocus tommasinianus Crocus tommasinianus (Elfenkrokus)

Wenn der Winter lang war, warten wir darauf.
                                                                             
Und nicht nur wir, auch die Krokusse warten. Häufig tagelang, mit geschlossenen Blütenkelchen stehen sie dann da und warten auf die ersten  warmen Tage, genauer gesagt, auf Lufttemperaturen über 10 Grad Celsius.


Bestäubung durch Insekten


Dann fliegen nämlich die Bienen, und das ‚wissen‘ die Krokusse. Nicht nur Honigbienen, auch Wildbienen und Hummeln, die bereits aus der Winterstarre erwacht sind, sind über das Angebot von Nektar und Pollen erfreut.  Auch wenn die Honigbienen noch Vorräte des für den Winter eingefütterten Zuckers in ihrem Stock zur Verfügung haben, es ist der frische Pollen, der signalisiert, dass der Frühling ins Haus steht und nun endlich mit dem Brutgeschäft begonnen werden kann.

Die Hummeln erwachen normalerweise erst dann aus ihrer Überwinterung, wenn draußen die ersten Weiden blühen und die dann ausreichend Nahrung für die Blütenbesucher bereithalten. Umso mehr benötigen  ‚frühe‘ Hummeln, die vor den Weidekätzchen erscheinen, das Nahrungsangebot von Krokussen und anderen Frühblühern, und sei es noch so gering.

BlütenbesucherDie Blütenbesucher benötigen beides: Nektar und Pollen. Nektar ist Muskelnahrung, Energie für Körperwärme und Bewegung. Pollen ist Futter für den Nachwuchs, diese eiweißhaltige Nahrung dient zum Aufbau ihres Körpers. Der Krokus bedient die Blütenbesucher, die sich durch den Transport von Pollenkörnern auf die Narben von Nachbar-Krokussen revanchieren.

Hier zu sehen: Die drei Staubgefäße sind schon ausgeräumt, hoffentlich bekommt die dreilappige Narbe noch ein paar Pollenkörner ab!  

Nach erfolgter Bestäubung wachsen Pollenschläuche durch den Griffel in die drei Kammern des Fruchtknotens und befruchten die Samenanlagen.

Fruchtkapsel

Ebenerdig oder kurz unter der Oberfläche wachsen nun die Samen heran. Ende Mai, wenn sie kurz vor der Reife stehen, ziehen die Laubblätter der Krokusse ein: Sie haben die Nährstoffe für das nächste Frühjahr gebildet und in den unterirdischen Knollen eingelagert. Jetzt werden die Fruchtstände sichtbar: Sie stehen aufrecht zwischen den absterbenden Laubblättern und halten die Samen zur Verbreitung bereit.


Verbreitung durch Samen


geöffnete FruchtkapselBei Vollreife öffnen sie sich und die Samenkörner fallen heraus. Weil sie kleine Ölanhängsel besitzen (Elaiosomen), werden sie häufig von Ameisen verschleppt, die die nährstoffreichen Anhängsel fressen und den für sie unbrauchbaren Rest der Packung irgendwo entsorgen: So können die Krokusse im Laufe der Zeit größere Flächen besiedeln (Myrmekochorie).

Auffällig ist dabei, dass sie bei ihrer Verbreitung keine konzentrischen Kreise um die Mutterpflanzen bilden, sondern dort wachsen, wo ihnen Boden und Licht zusagen, kurz: wo der Standort stimmt!  

 

 

offene FruchtkapselDie Zahl der gebildeten Samen erscheint auf den ersten Blick gering, verglichen mit der Produktion anderer Streufrüchte, z.B. Fingerhut. Doch während hier die Ausstreuung der winzigen Samen durch Wind oder einen mechanischen Stoß erfolgt und die Verbreitungsentfernung  entsprechend gering ist, setzt Krokus auf eine andere Strategie: Die wenigen Samen sind relativ groß, haben also einen hohen Nährstoffvorrat für die Keimung und werden zudem durch Ameisen über weitere Distanzen verbreitet als durch eine (nur) Streuung aus der Samenkapsel.

 

 

     


Bildung von Brutknollen


Bekanntlich besitzen die meisten Frühblüher unterirdische Speicherorgane, in denen die Nährstoffe oder sogar die fertige Blütenanlage sitzen, die die frühe Blüte ermöglichen. Während der Blüte verbraucht sich die Zwiebel (z.B. Tulpe) oder die Knolle (z.B. Krokus), sie schrumpfen, bis sie schließlich völlig verschwunden sind. Die Laubblätter bilden danach neue Nährstoffe, die in den Boden geleitet  dem Aufbau einer neuen Zwiebel/Knolle dienen.

KrokusknollenBeim Krokus wächst dann die Tochterknolle (je nach Art) zumeist auf der zurückgebildeten Mutterknolle. Bei guten Klima- und Standortbedingungen können sich auch mehrere Tochterknollen bilden.

Außerdem bildet die Pflanze noch kleine Brutknollen aus, die (auch wieder je nach Art) zwischen dem Knollenboden und den Wurzeln sitzen, also im Bereich der Basalplatte.

Die Tochterknollen werden dann im nächsten Frühling die Krokusblüten hervorbringen, die häufig sehr kleinen Brutknöllchen benötigen manchmal mehrere Jahre bis zur Blüte.

Bei unseren Krokussen sieht das nun so aus: Im Laufe von Jahren hat sich aus einer (1!) Krokusknolle ein verfilzter Horst von Pflanzen gebildet, in dem insgesamt 86 Knollen gezählt wurden:

nach Groesse sortiert

Für ihre Verbreitung wählen viele Pflanzen einen doppelten Weg:

- Durch Samen (generative oder sexuelle Verbreitung)

Vorteile: Überwindung großer Distanzen (z.B. Flugfrüchte)

Bessere Anpassung an sich verändernde Umwelten durch Ausbildung immer neuer Varianten (Neukombination von Genen)

- Durch Ausläufer, Brutzwiebeln, Brutknollen  (vegetative Verbreitung)

Vorteile: Schnellere und effektivere Ausbreitung bei günstigen Standorten

Die Frage für uns – und natürlich für zahlreichen Krokusknollen – ist nun: Wie kommen die ein Stück weiter ohne sich gegenseitig zu erdrücken?

Endet hier die vegetative Vermehrung in einer Sackgasse? – Eindeutig ja, wenn wir die Bilder aus dem Garten zugrunde legen.

Aber Crocus tommasinianus folgt der Doppelstrategie der generativen und vegetativen Vermehrung ja nicht im Blick auf unsere Gartenkultur!         

Am Wildstandort, z.B. an einem Berghang einer bosnischen Landschaft, macht die überreiche Bildung von Brutknöllchen Sinn: Da kommt nämlich Bewegung in die Landschaft – im wahrsten Sinne des Wortes! Mäuse und andere Kleinsäuger graben nach den nahrhaften Speicherorganen, nicht alle werden gefressen, einige verschleppt... In Hanglagen gibt es immer wieder Erosion, Erdrutsche, Felsabbrüche... der Transport ist gesichert...

KrokusbueschelNur im Garten, da kann das natürlich nicht funktionieren.

Da müssen wir als Gärtner Geburtshilfe leisten.

Und das tun wir dann auch: Bewusst, schließlich kann man so ja kostengünstig Nachwuchs produzieren.

Ohne Absicht, wenn da schon mal Gartenabfälle im Grüngürtel entsorgt werden.

Sicherlich nicht schön, aber Krokusse und Bienen werden begeistert sein!  

 

Im Bild:
86 Knollen, 3 Samenkapseln

 

Alle Fotos: Michael Stork