Sonntag 27 Mai 2018

Poetischer Blick in die Regentonne

von  Monika Zybon-Biermann

Jan Wagners Lyrik nimmt die Natur in den Fokus

Wagner LyrikGartenmenschen mögen maßvollen Genuss von Lyrik. Etwa so wie der Aperitif vor einem Essen gehört für Kulturbewusste mit grünem Daumen als Auftakt eines Vortrags über Gartenkunst ein kleines Stück Dichtkunst dazu. Am liebsten Gereimtes oder Ungereimtes über Natur im Allgemeinen oder Besonderen. Eigentlich müsste Jan Wagner, derzeit erfolgreichster deutscher Lyriker, bei solchen Anlässen regelmäßig zitiert werden.  Schildert doch der erfolgreiche Autor, der 2015 den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse und 2017 den Georg-Büchner-Preis gewann, Natur in all ihren Facetten.

Die Titel seiner Gedichtbände verraten schon, dass es oft ins Grüne geht: „Regentonnenvariationen“ (dafür gewann er in Leipzig), „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ (erschien 2017), „Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“, oder „Guerickes Sperling“. Dennoch scheint die geschliffene Sprache seiner Poesie – trotz aller offiziellen Ehren – noch nicht so recht Eingang in Bücherschrank und Bewusstsein der breiteren Garten-Klientel gefunden zu haben.

Das mag auch an dem ungewöhnlichen und manchmal schockierenden Blickwinkel auf Tier- und Pflanzenwelt liegen. Auf heitere Bilder folgt das Grauen. Könnte einem das die Laune verderben? Eigentlich sollten Leute, die es für normal halten,sich selbst und andere Lebewesen zu quälen, indem sie Pflanzen ausreißen oder beschneiden, hinter dem Rasenmäher herlaufen und ihren Rücken überfordern, gestählt sein für die dunklen Seiten von Mutter Natur. Man denke nur an die verbreitete Bereitschaft, Mäusefallen im Gartenhaus zu postieren oder den Buchsbaumzünsler zu vergiften.

Giersch-Gedicht spricht Gärtnern aus der Seele

Ein Gedicht wird vermutlich den meisten gärtnerisch Aktiven aus der Seele sprechen. Es heißt „giersch“. Der Partisanenkrieg von Aegopodium podagraria gegen menschliche Gartendiktatur und seine erfolgreiche Eroberungsstrategie führt in nur 14 Zeilen zum befürchteten Ergebnis: Am Ende gibt es einen Sieger. Und das sind nicht wir... Trotzdem gehört „giersch“ zu den heiter-ironischen Beispielen der Wagnerschen Lyrik; eine ungiftige, hübsch blühende Pflanze mit Ausbreitungsdrang sorgt nicht für Gänsehaut.

Andere, düster und schonungslos, lösen eher Entsetzen aus. „verabredungen zur kaimanjagd“ gehört in diese Kategorie, kein Wunder bei einem solchen Thema. Kaimane sind eine südamerikanische Krokodilgattung, die wegen ihres Leders gejagt und nahezu ausgerottet wurde. Wagner schildert den Beginn einer solchen - inzwischen illegalen Jagd: ... "das Messer, wendig und scharf genug, um ihnen aus dem Anzug zu helfen, ihren edlen Lederflanken." In der Tat – solche Verse dürften Anhänger einer harmonischen Gartenwelt  verschrecken. Obwohl – siehe oben. Immerhin lieben wir auch Gruselfilme und Krimi-Lektüre mit vielen Leichen. Banales ist jedenfalls nicht zu entdecken in Wagners Texten. Seine Sprachartistik sollte sensible Leser(innen) mit dem Blick in brutale Wirklichkeiten versöhnen.

Neben den beiden oben erwähnten Preisen hat der 1971 geborene Schriftsteller 33 weitere Preise und Stipendien gewonnen. Jan Wagners Bücher sind über Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München zu beziehen www.hanser-literaturverlage.de.