Dienstag 12 Dezember 2017

Sarastro-Rundbrief November 2017

von  Christian H. Kreß

Sarastro Rundbrief 11/2017

Liebe Pamina, hallo Papageno!
 
Trockener Schatten im Garten stellt sich unter uns Gleichgesinnten als ein Problemkind dar, ja sogar als eine echte Herausforderung. Ganz besonders auch für den professionellen Gartengestalter, welcher gefordert ist, mittels einer sinnvollen Pflanzenauswahl diesen Bereich befriedigend und nachhaltig abzudecken. Aber auch wir, die wir uns passionierte Staudenliebhaber schimpfen, kommen hier ins Stocken und Trudeln. Mit dauerndem Gießen ist es nicht getan, denn unser oberstes Gebot heißt standortgerecht pflanzen und die richtigen Stauden für den jeweiligen Lebensbereich aussuchen!

In jedem Garten finden wir einige solcher schwierigen Stellen. Meist sind diese in ihrer Bepflanzung höchst unbefriedigend gelöst, man beachtet sie kaum, ja man kommt gar nicht auf die Idee, hier auf eine kreative Pflanzenauswahl zu setzen. Ich denke, dass unter deinem nordostseits gerichteten Carport oder an der regenabgewandten Ostseite deines Hauses vielleicht jene graue Tristess herrscht, die Lösung wurde statt Pflanzen durch Kieselsteine vollbracht.

Dass es jedoch Stauden gibt, die mit derartig unwirtlichen Bedingungen zurechtkommen, ist ja nicht neu. Aufgefallen ist mir sozusagen als Paradebeispiel an etlichen Stellen am Naturstandort in Kroatien und Griechenland beispielsweise der Balkanstorchschnabel (Geranium macrorrhizum), der unter hohen Felspartien an regenabgewandter Seite im reinen Schotter wuchs und dabei ganze Teppiche bildete. Er ernährt sich vom Falllaub, welches sich mit den Jahren zu Humus zersetzt, die Feuchtigkeit durch Nieselregen reicht ihm vollkommen. An vielen Pflanzplätzen unserer Gärten stehen seine Sorten daher um vieles zu nährstoffreich und darum brauchen wir uns nicht zu wundern, dass er mancherorts an Rhizomfäule leidet und in zu guten Böden regelrecht dahinvegetiert. Er ist aus diesem Grund auch ein ganz idealer Flächendecker unter extrem flach wurzelnden Birken und Ahornen, wo ja bekanntlich kaum etwas anderes wächst und jegliche Feuchtigkeit weggezogen wird. Ich vermeide übrigens absichtlich den Ausdruck „Bodendecker“, den diesen verbinde ich mit Monotonie, er ist genauso abgedroschen wie unser gärtnerisches Jahrhundert-Unwort „pflegeleicht“!

An einer Säule unter unserem Carport wächst seit über 15 Jahren Geranium × cantabrigiense ‘Biokovo’, ohne dass während der Vegetationszeit ein Tropfen Wasser von oben an diese quadratmetergroße Fläche gelangt. Höchstens, wenn jemand von uns mit dem Schlauch die Pflasterfläche mit einem Wasserstrahl sauber abspritzt, was zugegeben höchst selten vorkommt! Der Sortenname Biokovo deutet übrigens auf einen kleinen, aber hohen Gebirgszug im südlichen Dalmatien hin, wo diese Sorte angeblich gefunden wurde.

An ostseitig gelegenen Stellen unter Dachvorsprüngen haben wir ein echtes Problem, mit Stauden weiterzukommen. Dann wird es Zeit für dich, es auch einmal mit dem Steinsamen (Buglossoides purpureo-caeruleum) zu probieren. Die enzianblauen Blüten allein schon erwecken Sehnsüchte! Die Eigenschaft, mit Ausläufern eine Fläche regelrecht in Beschlag zu nehmen, schreckt eher ab. Aber bleibe nicht bei dieser einen Art, sondern kombiniere diesen Flächendecker zusammen mit einem ebenbürtigen Kandidaten, der mit Trockenheit und kargen Bedingungen im Halbschatten zurechtkommt. Das wäre beispielsweise Epimedium × perralderianum ‘Frohnleiten’, jener fantastische Elfenblumenwucherer, den Frau Helene von Stein-Zeppelin im Alpengarten Frohnleiten in der Steiermark durch Zufall fand und sich ein Stück davon erbat. Sie schickte es an Ernst Pagels, welcher in Sachen Epimedium einen größeren Erfahrungsschatz hatte. Bald darauf wurde ‘Frohnleiten’ zu einem der wichtigsten Bodendecker für den trockenen Halbschatten. Wenn du dann noch mit einigen Exemplaren von Helleborus foetidus die ganze Situation aufmotzt, ist der Sache Genüge getan. Falls du es ganz pragmatisch und nüchtern halten willst, dann nehme für eine größere Fläche die Bleiwurz (Ceratostigma plumbaginoides). Mit ihr kannst du mühelos nicht nur Lücken befüllen, sondern ganz besonders auch solche echten Problemzonen unter Dachvorsprüngen dauerhaft und befriedigend bepflanzen.

In südlichen Ländern fielen mir öfters beeindruckende Flächen von Acanthus mollis auf, die in vollschattigen und trockenen Stellen wuchsen, um nicht zu sagen wucherten! Dort blüht dieser Bärenklau zwar nicht, aber allein schon seine Blätter sind dermaßen dekorativ und besitzen viel Ornamentales. Und eine Aster möchte ich dir in diesem Zusammenhang zeigen, welche in unserem Schaugarten seit vielen Jahren direkt unter einer knorrigen Korkenzieherweide steht. Sie eignet sich ebenfalls für trockenste Stellen, wo sie sich mit ihren flachen Rhizomen schnell ausbreitet. Aster ageratoides ‘Ashran’ stellt für mich geradezu die Ideallösung dar, denn die bepflanzte Flächen zeigen sich vom Frühjahr weg angenehm dicht grün, ihre überreiche Blüte erscheint dann von August bis in den Oktober hinein.

Aster ageratoides 'Ashran'

Ach ja, ein Gras darf ich ja nicht vergessen, es muss auch noch hinein, denn keine Bepflanzung ohne Gräser, auch nicht im trockenen Schatten! Und hier denke ich in erster Linie an Deschampsia caespitosa, die Waldschmiele. Sie wächst beinahe überall, ich glaube, dass ich dies dir schon einmal schrieb. Wenn du bei einem Klon bleibst, dann bleibt die Waldschmiele steril und sät sich nicht aus. Pflanzt du jedoch mehrere Sorten, dann sät sie sich munter aus und keimt sogar in engsten Plattenritzen, wo du sie nur mühevoll entfernen kannst. In diesem Fall am besten wachsen lassen! Das Thema „Trockener Schatten“ lässt uns auch in Zukunft nicht in Ruhe, ich werde wohl einen Artikel in der Gartenpraxis darüber schreiben, ein gutes Vortragsthema wäre es ebenfalls!

Es gäbe eine ganze Menge an geeigneten Stauden im Bereich „Trockener Schatten“ auszuprobieren, ich denke hierbei auch an die Schildfarne (Polystichum), wo viele Arten sich als sehr trockenheitsresistent erwiesen, wenn sie einmal eingewachsen sind.

Unsere Astern waren noch nie so schön wie dieses Jahr. Besonders die Foerster-Sorte ‘Dauerblau’ hat mich wieder einmal nachhaltig beeindruckt. Dabei ist sie gar nichts Aufregendes, ein Mittelblau, eine Allerweltsaster, wirst du vielleicht denken, wenn du sie erstmalig siehst. Aster novi-belgii ‘Dauerblau’ ist für mich jedoch eines der allerbesten Beispiele von perfekter Nachhaltigkeit und innerer Qualität. Sie stellt im Topf keine Schönheit dar, ist vielfach gakelig, ihre Blüten altbacken, sie erinnern an längst verflossene Zeiten, im Gegensatz zu vielen anderen strahlenden Asternpersönlichkeiten. Aber sie ist derart kerngesund und ihre makellose Erscheinung steigert sich im Garten von Jahr zu Jahr, obendrein besitzt sie eine hervorragende Fernwirkung. Und diese Aster enttäuscht vor allem auch nach Jahrzehnten nicht! Karl Foerster hat ihr damals den Namen gegeben, da ihre auffälligste und beste Eigenschaft ihre lange Dauerblüte ist, welche sich über viele Wochen hinzieht und dadurch andere Sorten regelrecht in den Schatten stellt.

Einen Einblick in unsere derzeitige Asternblütenorgie vermittelt dir dieses Bild:

Astern im Topfquartier

Eine Überraschung bot sich auch bei den Staudensonnenblumen (Helianthus). Von Eugen Schleipfer nahm ich vor zwei Jahren seine neueste Auslese ‘Flutlicht’ mit. Auch diese Sorte besitzt eine ganz hervorragende Fernwirkung. Sie blüht enorm früh, als erste Sonnenblume überhaupt, schon im August. Du kannst sie an deinem Zaun zum Nachbarn hin pflanzen. Vereint mit meiner um vieles später blühenden ‘Simon Wiesenthal’ erreichst du eine gute Wirkung an deiner Grundstücksgrenze.

Helianthus 'Flutlicht'

Dieser Oktober zeigte sich von seiner goldenen Seite, die Farben und Strukturen waren einfach herrlich! Ein Blick von unserem kleinen Aussichtspunkt soll dir einen Eindruck davon verschaffen. Denk dir einmal die Gräser weg, und auch den Ahorn, und schon wäre es um einiges öder.

Ein Blick vom Aussichtspunkt

Das letzte Bild, das ich dir zeigen möchte, hat sozusagen symbolischen Charakter. Nicht Gießen und Schattieren hat im Garten Vorrang, sondern in erster Linie eine sinnvolle Pflanzenverwendung. In einer alten, hölzernen Regenrinne wachsen Hauswurz und Co, scheinbar wie von selbst. Die Sonne brennt gnadenlos auf diesen Bürocontainer, wo unser Paketversand abgewickelt wird. Hier wären Rittersporn und Phlox fehl am Platz und nur mit viel Aufwand auf Dauer zu halten.

Hauswurz und Co.

Du weißt sicher, dass unter vielen Stauden auch die Chrysanthemen zu meinen Lieblingen zählen. Nicht etwa die riesigen Allerheiligen-Kugeln, sondern jene wirklich winterharten Sorten. Vor ein paar Tagen war ich völlig überrascht, als ich ‘Speer’ voll aufgeblüht in unserem Schaugarten sah, denn sie blüht normalerweise wesentlich später. Die Farbe ihrer sehr großen Einzelblüten kann als ein echtes, tiefes Weinrot bezeichnet werden, sie ist im gesamten Chrysanthemenreich ziemlich selten. Ständig sind wir bemüht, neue und alte, attraktive Gartensorten für dich und die Gartenwelt zu erschließen.

Gartenwürdige Chrysanthemen

Mitte November bin ich auf Vortragsreise, sie beginnt bei den Orchideenfreunden Oberösterreichs, am Freitag, den 17. November, hier findet das Thema Kyrgysztan (Kirgisien) seinen Anfang. Vorträge vorzubereiten erfordert viel Umsicht, man sollte sich hierbei in die Lage der Zuhörer versetzen. Nicht jede Zuhörerschaft ist die gleiche, es ist ein Unterschied, ob ich Staudenliebhaber oder Junggärtner, ob ich Gartengestalter oder einen Obst- und Gartenbauverein vor mir sitzen habe. Ein Vortrag kommt immer dann gut an, wenn er kurzweilig gehalten wird. Kurzweilig ist bekanntlich das Gegenteil von langweilig. Das ist natürlich meine sehr subjektiv gehaltene Einstellung, denn einerseits kann eine Präsentation für den einen Zuhörer sehr fachgerecht und überzeugend wirken, für die anderen ist sie viel zu oberflächlich und für den Rest vielleicht zu detailliert. Wie dem auch sei, in jedem Fall nicht ganz einfach! Der Vortrag darf zudem in seiner Länge nicht zu kurz ausfallen, aber auch nicht über Gebühr zu lange dauern, von meiner Seite her vor allem keinen unnötigen Powerpoint-Schnickschnack enthalten. Manche Vortragende ergötzen sich hierin vor lauter Technikverliebtheit und vergessen dabei auf das Wesentliche! Und daher kann ein Zuviel an Technik oder Bildern genauso ein zerstörendes Resultat haben wie beispielsweise ein zu nüchternes, zu sachliches und zu pragmatisches Auftreten ebenfalls narkotisch und einschläfernd wirken können.

Und ich sehe in einem Vortrag stets so etwas wie etwas Ganzheitliches, bei dem es nicht nur um die Vegetation und pflanzlichen Besonderheiten eines bestimmten Landes geht, sondern auch um dessen Menschen, deren Lebensweise und Religion, die Geologie, die Beschaffenheit der Infrastruktur und vieles mehr. Das Gleiche gilt für eine Staudenrabatte, auch hier ist das Umfeld von großer Wichtigkeit.

Nach dem Vortrag in Steyr, also tags darauf (den 18. Nov.) sollte ich am Nachmittag schon in Westerstede im Emsland bei der dortigen Regionalgruppe der Gesellschaft der Staudenfreunde sein! Wie ich diesen 1000-km-Sprung schaffe, weiß ich heute noch nicht. Selbst schuld, wirst du sicher hämisch bemerken, dies kommt davon, wenn man seine Termine nicht besser abstimmt. Jedenfalls halte ich in Westerstede wieder einmal den allseits sehr beliebten Phloxvortrag, um schon am kommenden Sonntag darauf, den 19. Nov. am Nachmittag in Rostock bei der Regionalgruppe der GdS (Gesellschaft der Staudenfreunde) zu sein. Hier werde ich das Thema „Mit neuen und seltenen Stauden den Garten abwechslungsreich gestalten“ präsentieren.

Von Westerstede nach Rostock ist es nicht so weit, aber von Rostock bin ich anschließend auf Absprung zu meiner geistigen Bildungswerkstatt, nach Grünberg in Hessen unterwegs! Dort treffe ich endlich nach so langer Zeit meine Tochter Katharina, wir sahen uns fast zwei Jahre lang nicht! Sie ist ja seit Januar 2015 in den USA bei Staudengärtnern beschäftigt und tritt in meine Stauden-Fußspuren. In Grünberg finden die Gehölz- und Staudentage vom 20.Nov. bis zum 22. Nov. statt. Das diesjährige Programm kannst du im Internet verfolgen.

Der Versand findet immer noch statt, solange das Wetter frei von Dauerfrost ist. Du wirst dieses Jahr sicher schon geistig mit deinem Garten abgeschlossen haben, aber wie du sicher weißt, kann man pflanzen, solange der Boden offen ist. Im Übrigen bin ich schon jeden Tag stundenweise dabei, unseren Webshop auf den aktuellsten Stand zu bringen, was heißt, Neuheiten einzustellen und momentan wieder lieferbare Stauden dementsprechend zu vermerken. Ich wünsche dir noch einen beschaulichen Herbst, wie jedes Jahr ein angenehmes und meditatives Laubrechen, du hörst wieder von mir Anfang Dezember.

 

Alles Gute und viele Grüße von deinem Staudengärtner Sarastro!

 Christian H. Kreß 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением
 
Christian H. Kreß und Mitarbeiter