Dienstag 12 Dezember 2017

Neue Gärten: wild und immer schön

von  Monika Zybon-Biermann

Ex-Chemiker und Gartengestalter klärt Stilfragen bei der GdS Dortmund

Dr. Joachim HegmannStellen Sie sich vor, Sie sind ein „geborener Chemiker“. Schon Ihre Eltern erarbeiteten im Großraum Ludwigshafen, Deutschlands Chemie-Hochburg, den Lebensunterhalt in diesem Industriezweig. Können Sie sich vorstellen, nach Jahrzehnten Ihr Berufsleben umzukrempeln und Gärten zu gestalten? Dr. Joachim Hegmann (Bild links) hat es gewagt und verbucht als spät berufener Quereinsteiger bemerkenswerte Erfolge. Naturnahe Entwürfe sind sein Markenzeichen. Der Dortmunder Gesellschaft der Staudenfreunde (GdS) schilderte er jetzt in einem Vortrag seine Sicht auf „New German Style“ und „Dutch Wave“.


Bild 01Für die GdS ist der Diplom-Chemiker aus der von BASF geprägten Kleinstadt Limburgerhof kein Unbekannter. Er gestaltete zusammen mit Harald Sauer, dem Leiter des Ludwigshafener Ebertparks, das Schaubeet „Zwiegespräche“ der Regionalgruppe Kurpfalz auf der Landesgartenschau in Landau 2015. Sauer besuchte bereits im Frühjahr dieses Jahres die Dortmunder Gruppe, um besonders ansehnliche Beispiele für die Umgestaltung von Grünflächen in Ludwigshafen zu präsentieren (siehe unseren Bericht „Die erstaunliche Verwandlung öffentlicher Parks“ unter Natur und Garten).

Familiäre Vorbilder, was das Gärtnern angeht, hatte Joachim Hegmann nicht. Seine Mutter habe eine ausgeprägte Vorliebe für rosa Begonien gehabt, die sie jeden Sommer in adrette Kompositionen, manchmal sogar bogenförmig aufgepflanzt habe: „Ich fand das furchtbar!“ Dass es auch anders geht, wurde ihm später klar.

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Eine Blumenschau wie aus dem Bilderbuch! Bei diesem Entwurf hat Joachim Hegmann offenbar lieber geklotzt als gekleckert. Das Ergebnis ist ein Fest für menschliche Betrachter und tierische Besucher. Der Arbeitsaufwand für so viel hemmungslose Schönheit? Er soll zumindest deutlich unter dem des Rasenmähens liegen...

Inspiration für naturnahe Pflanzungen gibt es in berühmten Anlagen

Inspiration fand sich in den wunderbaren Gärten, die von den berühmtesten Vertretern der „Dutch Wave“ und des „New German Style“ entworfen wurden. Beide Stilrichtungen beschreiben den jeweiligen Standorten angepasste Pflanzungen aus Blütenstauden und ausdauernden Gräsern, die einen natürlichen, gleichzeitig aber spektakulären Eindruck erwecken, dazu pflegeleicht, robust, ökologisch und möglichst dauerhaft sind. Allzu viel Pflege ist vor allem im öffentlichen Raum schon wegen der Kosten unbeliebt.

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Was schwebt da nur so blau über den fedrigen Grasbüscheln? Es sind Blütendolden an hohen dünnen Stielen, die sich im Wind bewegen, schwankende Landeplätze für Bienen und Schmetterlinge. Vor der historischen Industriefassade hat die Natur einen Platz an der Sonne gefunden.

Zu den Pionieren und Wegbereitern dieses Stils gehörten u.a. Karl Foerster, Georg Arends, Wolfgang Oehme und Rosmarie Weisse. Richard Hansen legte mit seinem gemeinsam mit Friedrich Stahl verfassten Werk „Die Stauden und ihre Lebensbereiche“ die Grundlagen für das Gelingen solcher Pflanzungen. Hegmann meint, jeder Gartenbesitzer brauche dieses Buch: „Ich habe es mehrfach gelesen; zum Nachschlagen ist es unverzichtbar.“ Cassian Schmidt vom Weinheimer Hermannshof hat schließlich mit der Entwicklung kompletter Staudenpakete (am bekanntesten: “Silbersommer“) auch Behörden und Firmen praktikable Lösungen für langweilige oder vernachlässigte Grünflächen an die Hand gegeben.

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Ähren, Rispen, Kugeln - alle Blütenformen wurden ins unterschiedliche Blattwerk eingestreut - ein lebendiges Relief in Blau-Weiß-Grün bringt Bewegung in das Gelände vor einem modernen Bürogebäude.

Stars und Pioniere, Erfolgsmenschen und sensible Künstler

Für die Niederlande nannte Hegmann vor allem Piet Oudolf: ein Weltstar der Landschaftsarchitektur, dessen Karriere kaum denkbar gewesen wäre ohne seinen Freund, den norddeutschen Pflanzenzüchter Ernst Pagels. Die Sorten, die dieser kultivierte, spielten auch heute noch eine wichtige Rolle. Eine entscheidende Pionierrolle des holländischen Stils übernahm Mien Ruys, deren Gärten sich durch den Kontrast zwischen einem strengen (Schnitt-)Rahmen und naturhaften Bereichen auszeichnen. Ton der Linden ist ein Künstler, der seine Gartenszenen entwirft, so wie er als Maler Bilder komponiert. Und last not least ist da Henk Gerritsen, der vor kurzem verstorbene Revolutionär und Träumer,  dessen mystische und manchmal chaotisch wild wirkende Märchenwelt alle Verfechter von Ordnung und gerade gestochenen Rasenkanten außer Fassung bringt. In seinem letzten Buch „Gartenmanifest“ hat er der Nachwelt seine Sicht auf den idealen Garten hinterlassen, der inmitten der Wildnis mit ihren eigenen Gesetzen menschliche Spuren aufweist, verstreute Kunst, Experimente, Klänge und Poesie.

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Blütenreicher Abschied vom Sommer:Die dicken Sträuße der Astern im Bild oben zwischen Grasbüscheln und feurigen Herbstblättern, dazu die feurigen Herbstblätter wie im "Indian Summer" wirken selbst bei grauem Himmel als Stimmungsaufheller.

Was seine eigenen Schöpfungen angeht, so hat der Kurpfälzer bereits eine beachtliche Reihe öffentlicher Projekte vorzuweisen: Seinen früheren Wirkungskreis, die Gebäude und dazugehörigen Grundstücke der Chemiegiganten in Ludwigshafen bezog Hegmann mit in die neue Arbeit ein und verwandelte vormals langweilige, verunkrautete „Begleit-Grünstreifen“ in wahrhaft blühende Landschaften. Der Kontrast zwischen dem „Vorher“ und dem „Nachher“ wird in Hegmanns eigenen, sensiblen Fotos deutlich.

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Ein weiteres altes Betriebsgebäude bekam von Dr. Hegmann einen sehenswerten Rahmen verpasst: Dieser Randstreifen bebergte vor der Umgestaltung ein paar struppige Forsythien und jede Menge Unkraut aller Art.

Lob für Dortmund: Ein Leuchtturmprojekt im Rombergpark

Was den Dortmundern an dem Vortrag auch gefiel? Seine Komplimente an die GdS-Regionalgruppe, der er zugestand, ein „wahres Leuchtturmprojekt“ im Botanischen Garten Rombergpark geschaffen zu haben, eins, „wie es in Deutschland kein zweites von Laien Geschaffenes“ gebe. Dem Namen „Border im englischen Stil“ für die nach Farben geordneten 1000 Quadratmeter Stauden und Gehölze vermag der Kurpfälzer, der nach eigenem Bekunden schon öfter in der Westfalenmetropole zu Gast war, wenig abzugewinnen. Es sei weder konsequent englisch, noch niederländisch oder im neuen deutschen Stil einzuordnen. „Man sollte nicht alles in Schubladen stecken.“

Das vor fast zwei Jahrzehnten begonnene Schaubeet habe sich zu etwas ganz Eigenem entwickelt, einzigartig auf Grund seiner Geschichte und der wechselnden Gestalter/Innen. In der Tat entdeckte der Fotograf Hegmann dort zahlreiche Motive wie sonst nirgends; zur besonderen Optik trage auch die phantastische Gehölzkulisse des großen Arboretums bei.

Herbststauden

Herbstliche Staudengesellschaft mit Gräsern, Astern und exotisch anmutenden Fackellilien: Das große Beet der GdS-Regionalgruppe Dortmund, nach Ansicht von Dr. Hegmann ein wahres "Leuchtturmprojekt", beispiellos in ganz Deutschland.

Herbststauden vor BaumkulisseSamenstände, Blattwerk, die letzten Blüten - der Spätherbst zeigt sich noch einmal als großer Verschwender. Ein anderer Abschnitt des Dortmunder Beetes ist hier zu sehen: Die großartige Gehölzkulisse des berühmten Botanischen Gartens präsentiert sich von ihrer farbigsten, vielfältigsten Seite.

Die offen bekundete Sympathie für Dortmund freut die Westfalen um so mehr, als der erste Besuch des jungen Dr. Joachim Hegmann vor drei Jahrzehnten dem Kurpfälzer eine unerfreuliche Erfahrung bescherte. Damals kam er als Fan des FC Kaiserslautern zu einem Bundesligaspiel hierher und kehrte überaus bekümmert wieder nach Hause zurück. Auch wenn der eine oder andere Dortmunder sich ein Schmunzeln verkniff – das konnte man nachfühlen...

Fotos©: Birgit Hübner, (beide Fotos unten) Dr. Joachim Hegmann (alle übrigen Gartenfotos) Porträt: Monika Zybon-Biermann