Montag 25 September 2017

Im Schatten von Düsterwald haben nur Starke eine Chance

von  Monika Zybon-Biermann

Gärten unter widrigen Umständen zu erhalten, erfordert Humor und Zähigkeit

GünselIst es immer wahr, dass der Garten die Persönlichkeit des Besitzers widerspiegelt? Es ist auch möglich, dass natürliche Verhältnisse das Gestalten diktieren. Wenn das Gelände zumeist im Schatten eines Düsterwaldes liegt, dessen gewaltige Wipfel der Sonne nach Süden und Westen den Weg abschneiden, was dann? Ein Schattengärtchen mit Stauden? Illusorisch – die Herrscher in Baumgestalt sind Acer pseudoplatanus, der Bergahorn und Fraxinus excelsior, die gewöhnliche Esche, zwei Forstpioniere mit dem Ausbreitungsdrang einer Okkupations-Armee. Den beweisen sie alljährlich mit einer Samen-Überproduktion. Konsequenz aller Umstände einschließlich des unentwegten Bäume-Ausreißens: Hier überleben nur die Stärksten, die Wuchernden mit Bodendecker-Qualität, die fleißigen Saatgut-Produzenten, die fest verwurzelten Langlebigen, die selbst Giersch & Co in ihre Schranken weisen.

Kein Wunder, dass in dem kleinen Garten rund um das historische Fachwerkhaus schon lange Zeit naturnaher Stil angesagt ist. Die Blackbox ist an diesem Ort alles andere als eine neue Idee, sondern gehört seit Jahren dazu. Stauden, die im Gehölzrand, Halbschatten und Schatten klar kommen, sich in Fugen versamen und lange blühen, haben dauerhaft eine Heimat gefunden. Auf den wenigen sonnigen Plätzen drängen sich diejenigen, die mehr Helligkeit mögen.

Blüten vor allem im Frühjahr – und nicht zu knapp

Trotz der Widrigkeiten wird im Gärtchen rund ums Haus durchgeblüht, vom Vorfrühling bis zum Spätherbst. Schneeglöckchen, Frühlingslerchensporn, Aronstab, Narzissen und Waldhyazinthen gibt es in Massen.  Auch auf den zugepachteten 1500 Quadratmetern Düsterwald sorgen sie im Frühjahr für Farbe. Falsche Alraune Tellima grandiflora, Schaumblüte Tiarella cordifolia, Elfenblume Epimedium ‘Frohnleiten’ (die einzige überlebende Sorte), der Rauhling Trachystemon orientalis, großes und kleines Immergrün und -  gaaanz weit hinten am Rand sogar die verpönte Goldnessel – bilden unter der dichten Baumkronen-Decke einen grünen Pelz. Nicht zu vergessen der Günsel  Ajuga reptans und Pfennigkraut Lysimachia nummularia. Beide kriechen gern im Halbschatten herum. Kurzlebige Wanderer wie die Akelei sind in jedem Frühjahr zu finden, wenn auch nicht immer an denselben Plätzen. Sie erscheinen in allen rosa, purpur und blauvioletten Tönen.  Die alte Sorte ‘Nora Barlow’ sät sich sogar (ziemlich) echt aus und entwickelt viele Varianten ihrer tiefrosa-gelblich-weißen Blüten. Ach ja, und Fingerhut findet auch immer mal wieder einen Platz.

Akelei und Schaumblüte

Dann erscheinen noch zierlich aussehende, aber überraschend durchsetzungsfähige Dauerblüher wie die niedrige Glockenblume Campanula poscharskiana und die Scheinlerchensporne Pseudofumaria lutea und alba. Diese drei sind übrigens diejenigen, die oft noch im November selbst in finsteren Ecken noch mit einzelnen Blüten für Farbkleckse sorgen. Sie finden sich überall, in Platten- und Mauerfugen, am Wegrand und unter Sträuchern. Im sonnigeren Gelände teilen sich Rosen den Platz mit Stauden. Rosa hat keine Gelegenheit, die Königin oder zickige Prinzessin auf der Erbse herauszukehren. Zentifolien, ‘New Dawn’, ‘Gloria Mundi’ und ‘Ghislaine de Féligonde’ leben unter anderem mit Taglilie Hemerocallis fulva, Goldmelisse Monarda didyma, Färberkamille Anthemis tinctoria und dem lauffreudigen Felberich Lysimachia ciliaris ‘Firecracker’ in enger Nachbarschaft. Das egalitäre Miteinander scheint allen zu bekommen. Voraussetzung für eine ausbalancierte Koexistenz ist die bei allen pflanzlichen Akteuren gleichmäßig verteilte Lebensenergie. Sie sollte in etwa der von Bergahorn und Esche entsprechen.

Hemerocallis

Ruderalaufwuchs macht aus Garten schnell einen Wald

Diese Edellaubgehölze werden äußerst kontrovers beurteilt, was in ihrer Natur liegt. Sie sind bei Forstbesitzern beliebt. Sie sorgen nämlich aufgrund ihrer Samenproduktion für „Naturverjüngung“ des Waldes und bilden bei relativ dichtem Stand schön gerade Stämme aus; Seitenäste werfen sie frühzeitig ab. Was viele Leute in ihrem Garten hässlich finden und mit Namen wie „Spargel“ oder „Pinsel“ belegen würden, wird im Forst zu „Wertholz“. Ihr Talent zu starker Vermehrung löst dagegen bei Besitzern von Gärten, die in der Nähe (bis 150 Meter entfernt) einer solchen „Ruderal“-Vegetation liegen, Hassgefühle aus. Zur normalen Arbeit des Gärtnerns kommt nämlich das Sämlinge-Auszupfen hinzu, das Dachrinnen- und Fugen-Säubern. Damit lässt sich jede Menge Zeit verbringen.

Mit der Auszupferei sollte man sich beeilen, denn übersehene Jungpflänzchen schieben geschwind tiefe Wurzeln ins Erdreich – und dann heißt es „Bäume ausreißen“. Da sie sich vor allem in Hecken und zwischen Sträuchern gut verstecken können, finden sich in der Nachbarschaft dieser Spezies viele Gehölzpflanzungen, in denen plötzlich mitten im Sommer Bergahorn- oder Eschenblätter oben herausragen.

Ahorn Nachwuchs im Düsterwald

Die Versuche, sie zu schwächen, müssen regelmäßig erfolgen. Das heißt, am besten einmal pro Woche, sonst mindestens 14tägig bodeneben abschneiden, bis sie aufgeben. Abdecken würde auch klappen, ist aber in Hecken nicht immer realisierbar. Kein Zweifel, Acer pseudoplatanus und Fraxinus excelsior sind starke Typen und – lässt man sie gewähren – entwickeln sie sich nach dem Motto „the winner takes it all“...

Heckenbeimischung

Mit einer derartigen Nachbarschaft geht die Entwicklung zum Wald, der in gemäßigten Klimazonen die natürliche Vegetationsform bildet, mit Riesenschritten voran. Im Lebensraum von Menschen wird in diesen naturgemäßen Zustand massiv eingegriffen. Auch der eigene „Naturgarten“ ist keine Natur, sondern ein Bereich, der nach einem persönlichen Ideal modelliert wird. Was ist die Konsequenz? Gärten sind aus botanischer Sicht nichts anderes als gestörte Standorte. Auf denen finden sich nun mal besonders heftig wuchernde Unkräuter ein, ein- und zweijährige, aber auch hartnäckige, langlebige Typen wie Brennnessel, Giersch, Klettenlabkraut und Zaunwinde.

Auf „gestörten Standorten“ wächst Unkraut, das den Namen verdient

Sie sind für Gärtner wahre Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Kaum einer schafft es, sie völlig loszuwerden. Es sei denn, er griffe zur Giftspritze. Wem das zu riskant ist,beschränkt sich auf eine Kombination aus Ausziehen, Abdecken und Hinnehmen. Die kräftig wachsenden Rosen und Wildstauden sind außerdem ähnlich durchsetzungsfähig wie Giersch & Co. Auf diese Weise halten sie die Widersacher der Idee vom idealen Garten wenigstens etwas im Zaum. Dabei ist klar, dass die Konkurrenz eine Dauer-Veranstaltung bleiben wird. Ohne gärtnerische Unterstützung würde das Ganze schnell kippen. Es ist öfter kurz davor – wenn zu viel anderes zu tun ist, wegen schlechten Wetters oder einer Grippe. Dann entwickelt die mit geschnittenem Strauchwerk und Hecken gerahmte Blütenfülle  unversehens Dschungelqualitäten.

Zugegeben, für Freunde gepflegter Beete und abgestochener Rasenkanten sind solche Gärten vermutlich keine. Dagegen findet die wilde Fauna die kunterbunte Flora unwiderstehlich, nicht nur Bienen, Hummeln, Schmetterlinge. Igelmütter ziehen hier ihre Jungen groß – trotz gelegentlicher Begegnungen mit dem Haushund; im Teich leben Amphibien, in den Gehölzen brüten Vögel, auf dem Kompost lassen sich Gartenschläfer blicken. Alle freilaufenden Katzen der Nachbarschaft kommen zur Jagd und um sich vom Hund jagen zu lassen.

Damit die lebenskräftige Pflanzengesellschaft nicht in Anarchie versinkt, ist „Lazy Gardening“ keine wirkliche Option. Ständig muss gezupft und etwas ausgezogen werden. Der Kompost bleibt nie ohne Nachschub. „Viel Arbeit macht das, so einen wilden Garten zu haben“, ist schon einmal der mitleidige Kommentar der Passanten. Wenn sie wüssten. Bei einer solchen Nachbarschaft bleibt einem das Zupfen und Ziehen selbst dann nicht erspart, wenn man den ganzen Garten mit Platten auslegt...

Monarden

 

Fotos: Monika Zybon-Biermann