Dienstag 17 September 2019

Wiedersehen in Limburger Gärten

von  Monika Zybon-Biermann

Auch private Ausflüge zu Nachbarn im Westen lohnen sich

SichtachseIn Europa gibt es Gegenden, wo sich besonders viele wunderbare Gärten entdecken lassen. Das ist fast so wie bei einer Grippeepidemie: Der hochansteckende Gartenvirus ergreift einige, um sich dann in der näheren und weiteren Umgebung zu verbreiten. Das flandrische Limburg gehört zu diesen Regionen. Kein Wunder, dass der Landstrich beliebtes Gartenreiseziel ist. Einige Besucher sind so begeistert von dem eigenen Stil und den Talenten der grünen Gestalter im Westen Belgiens, dass sie sich immer wieder auf den Weg dorthin machen. Einer dieser Fans ist der Dortmunder Staudenfreund Gerhard Golak, der jetzt mit Bekannten einen Tagesausflug dorthin unternahm.

Bitte einzutreten – dazu scheint das Bild links aufzufordern. In der Tat fand die hier beschriebene Reise während der Tage der offenen Gartenpforte in der Region statt.

Der grüne Daumen ist auch auf dem Kontinent daheim

Die Reisegruppe aus dem Ruhrgebiet steuerte drei Adressen an, die in Fachkreisen einen erlesenen Klang haben: der Heerenhof in einem Vorort von Maastricht, das Werk der beiden Landschaftsarchitekten Claessen und van Dijk in Peer, dazu die Gärtnerei Marnis im auf niederländischem Territorium liegenden Bunde. Alle drei gehören zu den Einrichtungen, die im Juni  samstags und sonntags an der offenen Gartenpforte teilnehmen. Dann haben auch privat Reisende die Chance, die Anlagen zu besichtigen, nicht nur Veranstalter mit großen Gruppen.

Der Heerenhof ist für Golak so etwas wie ein guter, alter Freund. Bereits zehn Mal hat er sich von der Atmosphäre des europaweit bekannten Gartens gefangen nehmen lassen. Die Eigentümer, Jan van Opstal und Jo Willems haben 3000 Quadratmeter wie eine Folge einzelner Bühnenbilder gestaltet, Szenen, in denen Besucher gleichzeitig Zuschauer und Akteure sein können. Die dramatische Gestaltung ist kein Zufall. Van Opstal und Willems sind Theaterleute; für den Choreographen und den Regisseur lag es daher nahe, die einzelnen Gartenzimmer wie wechselnde Szenerien einer Aufführung anzulegen. Das Tüpfelchen auf dem I sind die echten Theateraufführungen in einem alten Gartenhäuschen, zu denen ab und zu eingeladen wird.

Darstellende Kunst – auf der Bühne und im Grünen

Ihre beim Entwurf des Heerenhofs zur Schau gestellte Kunstfertigkeit hat den beiden darüber hinaus einen weit über Limburg hinaus bekannten Ruf als Entwerfer beschert. Inzwischen realisieren sie ihre Ideen für Kunden im In- und Ausland. Die zwei starteten ihr privates Projekt mit einem älteren Landhaus, hinter dem sich ein extrem langes, schmales Grundstück erstreckt: insgesamt 1.800 Quadratmeter, aber nur 12 Meter breit! Dort standen viele alte Obstbäume – und es gab einen großen Gemüsegarten.

Zierbirne am Gartenteich

Ein Garten-"Zimmer" mit  ländlichen Charme.
Hinter der akkurat gestutzten Heckenwand zeigt sich auch der kleine Blütenbaum in Bestform.

Um die Jahrtausendwende kauften sie das 1.200 Quadratmeter große Nachbargrundstück hinzu. Hier entstand zunächst ein kompromisslos modernes, neues Wohngebäude, von außen ganz verglast, das „H-Haus“ genannte Werk des Architekten Wiel Arets, der sich auch als Designer für die Firma Alessi einen Namen gemacht hat. Die Konstruktion erlaubt vom Innenraum freien Blick auf den Garten. Dieser ist anders angelegt als der zum alten Haus gehörige. Dort haben die Besitzer ihre Theaterherkunft zum Anlass genommen, das Bühnenbild-Thema auf die Spitze zu treiben. Der lange „Schlauch“ wurde in einzelne  Räume unterteilt,die alle sowohl in der Form als auch in der Farbwahl so unterschiedlich sind, dass sie andere Stimmungen erzeugen.

Der Heerenhof: Klassik trifft auf Moderne

Der zum zeitgenössischen H-Haus gehörende Bereich kommt so modern und minimalistisch daher wie das Gebäude selbst.  Eine großflächige, reduzierte Unterteilung strahlt Ruhe aus. Dazu gehört auch ein langgestrecktes Wasserbecken. Während im alten Garten bunte Hühner, bewacht vom Hahn, nach Regenwürmern picken, stolzieren im neuen Teil elegante, weiße Pfauen umher. Ihnen zur Seite blühen Stauden und Gehölze – passend in Weiß.

Teiche und Haus

Klare Gliederung und übersichtliche, reduzierte Gestaltung kennzeichnet den Garten am "H-Haus". Beide gehören zusammen.

Van Opstal und Willems planen eine Erweiterung ihrer gärtnerischen Aktivitäten. Vor kurzem haben sie ein weiteres Grundstück dazu gepachtet. Doch darauf soll keine zusätzliche Gartenfläche entstehen. Stattdessen haben sich die beiden vorgenommen, auf diesem Stück Erde selbst Pflanzen heran zu ziehen, die Hauptdarsteller in künftigen Traumgärten.

Eine Neuentdeckung der Extra-Klasse in Peer

Auch in Regionen, die man schon zu kennen glaubt, lässt sich Neues finden. Die erste Begegnung mit dem Werk der Landschaftsarchitekten Marc Claessen und Gaby van Dijk in Peer bescherte der kleinen Reisegruppe aus dem Ruhrgebiet ein Erlebnis der besonderen Art. Mit Ideenreichtum,  vollkommener Beherrschung von Perspektive und dem Wechsel zwischen Ruhe und Spannung hat das Paar ein abwechslungsreiches Ambiente geschaffen.

Gruen in allen Farben

Akkurat, aber gleichzeitig fantasievoll geschnittene Gehölze sind in belgischen Gärten besonders beliebt.

Um ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, stehen dem Entwerfer-Duo immerhin 5000 Quadratmeter  zur Verfügung. Das Grundstück ist rechteckig, liegt an einer winzigen Seitenstraße und ist ringsum von Feldern umgeben. Zur Straßenseite, nach Westen, aber auch nach Norden und Osten schirmen große Hecken das Gelände ab. An der Südseite gibt es nur einen transparenten Zaun, durch den man frei in die Landschaft blicken kann. Die Hecken sind nicht auf eine Höhe beschränkt, sondern werden in unregelmäßigen Abständen von größeren und kleineren Bäumen unterbrochen. Für noch mehr Grün und Schatten sorgen weitere Baumgestalten innerhalb des Geländes. Grün ist die vorherrschende Farbe des Gartenreiches, das ansonsten durch seine ausgeprägten, eindrucksvollen Sichtachsen gekennzeichnet ist.

Kontraste gekonnt inszeniert – Hecken vs. Weitblick

Die Größte führt in voller Länge von Norden nach Süden durch den Garten, sodass beim freien Blick in die Landschaft der Eindruck von Weite entsteht. Dabei wird das Grundstück in zwei gleich große Hälften geteilt. Im westlichen Teil steht das langgestreckte Haus. Der Vorgarten zur Straße hin enthält viele Formschnittgehölze. Manche sind so geformt wie die Findlinge und andere Natursteine, die zahlreich Verwendung finden, nicht nur einzeln, sondern auch als Pflaster oder Trockenmauer. Dass die Sträucher ähnlich wie diese geschnitten sind, verleiht diesem Bereich den durchgestylten Charme einer japanischen Gartenanlage.

Hecken umrahmen den Ausblick

Die weite Landschaft hinter dem Zaun gehört nicht mehr zum Garten. Sich eine Aussicht zu borgen, ist ein alter Trick der Gestaltung.
Die beiden gnomartigen Gestalten auf dem Rasen stammen von Lut Brackx.

Die andere Gartenseite wird von Innenhof bestimmt. Das Besondere daran: Vor jedem Fenster des Hauses bietet sich ein eigenes Gartenbild. Das Grün des Blattwerks, unterstützt durch viele Blattschmuckpflanzen, wird hier belebt von Blüten in Weiß und einem kühlen, hellen Gelbton. Gartenräume entstehen zusätzlich durch niedrige Mauern und halbhohe Hecken. Ein Gartenteich spiegelt den Himmel über Peer und die ans Wasser angrenzenden Pflanzensilhouetten. Zauberhaft und mystisch wirken die schmalen, langbeinigen Plastiken der belgischen Keramikerin Lut Brackx, die wie kleine Geister zwischen Hecken und Strauchwerk auftauchen, einzeln oder als ganze Gruppe.

dezente Gartenkunst

Zwischen Stauden mit schönen Blüten und Hosta mit schönen Blättern blickt ein kleines Pärchen verträumt in den Frühsommerhimmel.

Diese zauberhafte Welt ist übrigens in einem Gartenbuch ausführlich beschrieben worden. Es ist der zweite Band der Reihe „Droomtuinen in Vlaanderen“ des belgischen Journalisten, TV-Moderators und Politikers Marc Demesmaeker. Gartenthemen sind seine Spezialität. Der erste Band ist nur noch antiquarisch erhältlich (https://www.antiqbook.com/index.php?l=de) In Droomtuinen 2 dagegen ist das Werk von Claessen/Van Dijk enthalten (http://sfeertuinen.com/de-bojem-be/).

Kein Einkaufserlebnis: Umzug legte sich quer

Die Hoffnung auf ungewöhnliche Einkaufsmöglichkeiten in der Gärtnerei Marni‘s zerschlug sich dummerweise, denn der Betrieb ist ausgerechnet kurz vor dem Ausflug umgezogen. Bisher fand man die exklusive Adresse für ausgefallene Stauden, Farne und Gräser, Clematis und Rosen in Schimmert. Jetzt ist sie näher Richtung Maastricht gerückt – in den kleinen Ort Bunde. Eine der besonders ausgefallenen Zuchtformen, die man bei „Marni‘s“ entdecken kann, ist die kleine Bartiris ‘Über den Wolken’. Diese zarte Schönheit stammt von Lothar Denkewitz aus Hamburg und ist in den Niederlanden besonders beliebt.

Es gibt übrigens eine zweite Iris namens ‘Über den Wolken’. Das ist allerdings eine Wieseniris (Iris sibirica) und sie wurde von Christina und Tomas Tamberg aus Berlin gezüchtet, ebenfalls eine himmelblaue Sorte.

Himmelblaue Blüten ‘Über den Wolken’

Ausgerechnet die Schaugärten, für die das Unternehmen berühmt war, müssen am neuen Platz erst aufgebaut werden, ein aufwändiges Unterfangen, das nicht im Handumdrehen zu erledigen ist. Am neuen Standort sollen ein Kiesgarten, ein Moderner, ein Englischer, ein Pflück- sowie ein Obstgarten entstehen.

Wer Kunde von „Marni‘s“ werden möchte, muss sich übrigens keine Sorgen um ungewollte Pestizid-Beigaben machen. Die flandische Kwekerij arbeitet konsequent ökologisch. Die Rezepte, wie man im eigenen Garten Krankheiten und Schädlinge ohne Gift bekämpfen kann, finden sich auf der Internetseite der Gärtnerei (https://www.marnis.info/recepten).

Iris pseudacorus 'Sulphur Queen'

Zwar nicht himmelblau, aber ebenfalls eine Besonderheit, dazu heimisch und für den Gartenteich geeignet: die Sumpfiris Iris pseudacorus ‘Sulphur Queen’.

Fotos: Gerhard Golak